Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Wolfgang Kessler: Zwischenräume - Gedanken zu einer Malerei des rasenden Stillstands
Wolfgang Kessler Beschleunigung des menschlichen Körpers und den damit einhergehenden Auswirkungen auf Sehen und Denken. Theodor Fontane, der das Aufkommen und die rasante Ausbreitung der Eisenbahn unmittelbar mitverfolgen konnte, der den fürchterlichen Einsturz der Eisenbahnbrücke über den Firth of Tay im Jahre 1879 sogar in einem Gedicht verarbeitete, dessen berühmte Zeile „Tand, Tand, ist das Gebilde von Menschenhand“ auch als gern überhörtes Menetekel der Technikgeschichte gelten kann, Theodor Fontane also fragt sich, ob sie (die Eisenbahn) nicht der Bühnenraum eines riesigen Theaters ist.' Ray Bradbury, als Kind des 20. Jahrhunderts in erster Linie Zeuge der individuellen Mobilisierung, der Autogesellschaft, beschreibt in „Fahrenheit 451“, wie Geschwindigkeit die Wahrnehmung verändert. Obwohl Bradbury von Turbinenautos spricht, ist in diesem Fall das Verkehrsmittel zweitrangig; denn wir finden hier - und das war für mich ausschlaggebend - eine verblüffende Kongruenz zu meiner Malerei: Have you seen the two-hundred-foot-long billboards in the country beyond town? Did you know that once billboards were only twenty feet long? But cars started rushing by so quickly they had to stretch the advertising out so it would last. Und davor: 1 sometimes think drivers don’t know what grass is, or flowers, because they never see them slowly. If you showed a driver a green blur, Oh yes! he’d say, that’s grass! A pink blur? That’s a rose-garden! White blurs are houses. Brown blurs are cows. My uncle drove slowly on a highway once. He drove forty miles an hour and they jailed him for two days. Isn’t that funny, and sad, too?* 4 Man erinnere sich: Zu Beginn des Eisenbahnzeitalters wurde vor den unabsehbaren gesundheitlichen Folgen einer Reisegeschwindigkeit von dreißig oder vierzig Stundenkilometern eindringlich gewarnt. Fleute muss man sich eher Sorgen um die nervliche Verfassung der Mitreisenden machen, wenn es einmal zu Stockungen, unverhofften Stopps oder Langsamfahrten kommt. Was ist geschehen, dass wir eine Verspätung als ein skandalöses Vorkommnis empfinden und auf erzwungene Langsamkeit mit Aggression reagieren? Ich möchte diese Frage zurückstellen und zuerst den Satz Fontanes aufgreifen. Denn ich sehe mich selbst gem als eine Art Theaterbesucher, der bewusst einen jener ungeliebten Sitzplätze einnimmt, von dem aus zwar nur noch eine sehr eingeschränkte Fontane, Theodor: Die Brück' am Tay. ln: Balladen und Gedichte, hrsg. von der Nymphenburger Verl.-Handlung, München 1962 (Sämtliche Werke/Theodor Fontane 20 ), S. 249 f. (Erstdruck 1880). 4 Bradbury, Ray: Fahrenheit 451. In: The novels of Ray Bradbury, hrsg. von Book Club Associates. London 1984, S. 8. 108