Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Resümee

Georg Lehner - Monika Lehner Zudem berichteten österreichische Missionare über Verfolgungen, denen sie in ihren Sprengeln im Inneren Chinas ausgesetzt waren. In Österreich-Ungarn selbst war man - wie allerdings auch überall sonst in Europa - auf die Eskalation der Lage in China kaum vorbereitet. Der k. u. k. Gesandte für China (Czikann), der Beijing im April verlassen und sich auf Europaurlaub begeben hatte, wurde Mitte Juni zu den Beratungen im Ministerium des Äußern beigezogen. Da sich Goluchowski in Vittel aufhielt, wurde die politisch-diplomatische Haltung Österreich-Ungams zur Krise in China vom Ersten Sektionschef (Szécsen) formuliert, denn Österreich-Ungarn konnte den Ereignissen in China schon aus Sorge um die Erhaltung der eigenen Rolle im Konzert der Mächte nicht gleichgültig gegenüber stehen. Zur Formulierung der eigenen Position stand den Entscheidungsträgem in Wien eine Fülle von Informationen zur Verfügung: Aus den europäischen Hauptstädten, aus Tökyö und Washington liefen regelmäßig Telegramme und Berichte über die von den anderen an der Intervention beteiligten Mächten realisierten oder beabsichtigten Aktionen ein - was in Anbetracht der im internationalen Kontext der Krise kaum wahrnehmbaren Rolle Österreich-Ungams doch überraschen mag. Nachdem die öffentliche Meinung darauf vorbereitet worden war, genehmigte Kaiser Franz Joseph schließlich die Verstärkung der österreichisch-ungarischen Seestreitkräfte in Ostasien. Mit der Formierung einer „Eskader in Ostasien“ wurden von der k. u. k. Kriegsmarine erstmals seit 1866 zwei unabhängig voneinander operierende Schiffsverbände unterhalten. Die Präsenz von vier Schiffen in den ostasiatischen Gewässern war zunächst der sichtbarste Ausdruck der österreichisch­ungarischen Haltung zu den Ereignissen. Die Instmktionen für den Eskaderkommandanten (Montecuccoli) waren relativ allgemein gehalten. Es wurden keine eigenen politischen oder militärischen Ziele definiert, doch wollte man im Rahmen der „Solidarität der Mächte“ auch auf seine Rechnung kommen. Abgesehen von den Dienststellen der k. u. k. Kriegsmarine waren - trotz der Entscheidung gegen die Entsendung von Landtruppen - auch die zentralen Behörden der bewaffneten Macht Österreich-Ungams mit den Ereignissen in China befasst, so trat der k. u. k. Generalstab für die Entsendung eines Beobachters des k. u. k. Heeres (Wöjcik) nach China ein. Wojcik wurde dann dem unter der Leitung von Waldersee stehenden Armee-Oberkommando für Ostasien zugeteilt. Aus Mangel an eigenen machtpolitischen Interessen in Ostasien blieb in der österreichisch-ungarischen Berichterstattung über die Ereignisse in China genug Raum für Bemerkungen zur Politik der anderen an der Intervention wesentlich intensiver engagierten Mächte. Entsprechend der Ausrichtung der österreichisch­ungarischen Außenpolitik verfolgte man vor allem das Vorgehen der unmittelbaren Nachbarn mit besonderem Interesse, wobei die Berichterstattung darüber durchaus zwiespältig ausfiel. Die österreichisch-ungarische Einschätzung der deutschen Haltung zu den Ereignissen ging einerseits von der Erwartung aus, dass sich das Deutsche Reich nach der Ermordung Kettelers an die Spitze der militärischen Operationen in 664

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