Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Resümee

Resümee Nordchina stellen werde, andererseits wurden jedoch Zweifel laut, ob die deutsche Politik den mit der Besetzung der Bucht von Jiaozhou beanspruchten „Platz an der Sonne“ im Zuge der Intervention auch durchzusetzen im Stande wäre. Die nur schwer zu beeinflussenden Äußerungen des deutschen Kaisers (vor allem die „Hunnenrede“) wurden in der Berichterstattung der k. u. k. Botschaft in Berlin und in Teilen der österreichischen Presse mit dem Temperament Wilhelms II. zu erklären versucht, während sie von den k. u. k. Diplomaten in anderen europäischen Hauptstädten überaus kritisch bewertet wurden. Rivalitäten innerhalb der Regierung bildeten den Schwerpunkt in der österreichisch-ungarischen Berichterstattung über die russische Haltung zum Ausbruch der Krise in China: Die russische Einschätzung der Lage in China war bis zu Murav’evs Tod äußerst optimistisch. Dessen Nachfolger Lambsdorff war der Ansicht, dass die kooperierenden Truppen nach Beijing vorstoßen, die Gesandten befreien und dann so schnell wie möglich Beijing wieder räumen sollten. Der Aufmarsch Russlands in der Mandschurei - dessen Auswirkungen auf und Folgen für die lokale Bevölkerung kaum Eingang in die österreichisch-ungarische Berichterstattung fanden - wurde als Indiz für russische Pläne in Ostasien gewertet. Montecuccoli wurde instruiert, stets das Einvernehmen mit den russischen Befehlshabern zu suchen, um die Pläne Russlands nicht zu gefährden. Die Chinapolitik der übrigen Mächte rief im Sommer 1900 in Wien weit weniger Interesse hervor: Neben den durch den Krieg in Südafrika bedingten Schwierigkeiten Englands für China ein dem Ausmaß seiner dortigen Interessen angemessenes Truppenkontingent zu mobilisieren, der Passivität der Vereinigten Staaten und der von den Europäern kritisch beurteilten Ambition Japans rasch Truppen nach China zu senden, erschien den k. u. k. Diplomaten vor allem der früh geäußerte Wunsch Frankreichs nach einer restriktiven Handhabung des Waffenexports nach China von Bedeutung zu sein. Italien, das sich Anfang Juli zur Entsendung von Landtruppen - und damit für ein stärkeres Engagement als die Habsburgermonarchie selbst - entschieden hatte, wurde von Österreich-Ungarn im Hinblick auf die Krise in China kaum mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als den machtpolitisch gesehen kleineren europäischen Staaten wie Belgien, den Niederlanden, Spanien oder Portugal. Die maritim-militärische Teilnahme Österreich-Ungams an den Ereignissen in China wurde im Rahmen dieser Studie einer kritischen Bewertung unterzogen. Erst unter Berücksichtigung der äußeren Rahmenbedingungen, unter denen die Aktionen der Kriegsmarine abliefen, ergibt sich ein einigermaßen abgerundetes Bild: Im Dienstverkehr nehmen die Berichte über die „Kämpfe in China“ nur einen kleinen Teil ein. Weitaus intensiver wurden die Vorbereitungen für die Ausrüstung der Schiffe für ihre transozeanische Mission, die Sicherstellung des Nachschubs, Organisation und Ausbildung der zu landenden Detachements, Einrichtung von Quartieren im Norden Chinas, die Aufrechterhaltung des täglichen Dienstbetriebes und der Kommunikation unter den einzelnen Detachements sowie das Zusammenwirken und die Kontakte mit den Truppen der anderen beteiligten 665

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