Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)
Resümee
RESUMEE Die „Wirren in China“ waren eines der weltpolitisch bedeutendsten Ereignisse an der Wende zum 20. Jahrhundert; zudem wurden zu jener Zeit die Weichen für die Bündnissysteme unter den Mächten für die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg gestellt. Nachdem in Südamerika selbständige Staaten entstanden waren, nachdem Afrika und Süd- und Südostasien unter den Kolonialmächten aufgeteilt waren, hatte im späten 19. Jahrhunderts die Jagd nach Einflusssphären in China begonnen. Österreich-Ungarn hatte daran - von wenig konkreten Planungen abgesehen - nur als Beobachter teilgenommen und war wie keine andere Großmacht auf Europa fixiert geblieben. Obwohl Österreich-Ungarn wie die anderen Großmächte einen (Handels-)Vertrag mit China abgeschlossen hatte, waren die politischen und wirtschaftlichen Interessen in Ostasien sehr begrenzt, weshalb die durch die Yihetuan-Bewegung ausgelöste Krise nicht primär eine Bedrohung eigener Interessen darstellte. Gerade deshalb erscheint es beachtenswert, dass sich Österreich-Ungarn an der internationalen Intervention zur Unterdrückung der Yihetuan-Bewegung im Sommer 1900 ohne Zögern beteiligte. Schon vor der Eskalation der Ereignisse in Nordchina im Sommer 1900 wurden die zunehmenden Spannungen in den Interaktionen der chinesischen Bevölkerung mit Repräsentanten ausländischer Interessen auch von österreichisch-ungarischer Seite wahrgenommen und kommentiert: Über Zwischenfalle mit xenophobem Hintergrund berichteten zunächst die direkt Betroffenen (der Lazaristenpater Josef Wilfinger und einige im Eisenbahnbau beschäftigte Personen). Diese Berichte lagen dem Generalkonsulat Shanghai und der k.u.k. Gesandtschaft bereits im April 1900 vor. Die Reaktionen der beiden Vertretungsbehörden fielen jedoch äußerst zögernd aus: Einerseits verfügte Österreich-Ungarn über zu geringe maritim-militärische Mittel für eine Machtdemonstration in den chinesischen Gewässern, andererseits gab es schon Schwierigkeiten bei der Lokalisierung dieser Zwischenfalle. Erst Ende April berichtete die k. u. k. Gesandtschaft in Beijing über das Vordringen der Yihetuan in die Provinz Zhili. Größere Unruhen wurden von Rosthom nun als vorhersehbar eingestuft, doch erst vier Wochen später entwickelte sich die Situation im Raum Beijing dramatisch und kulminierte in der Belagerung der Gesandtschaften. Die unmittelbar nach dem Ende der Belagerung verfassten Berichte vermitteln einerseits Eindrücke vom Kampfgeschehen und vom Alltag der Eingeschlossenen, andererseits wird auch sichtbar, dass die Berichterstatter - nicht immer erfolgreich - bemüht waren, den Ablauf einzelner Aktionen genau festzuhalten, um etwaigen „entstellenden“ Schilderungen von anderer Seite Vorbeugen zu können. Die österreichischen Berichte aus Dagu (und ab Mitte Juli auch wieder aus Tianjin), Shanghai und Hongkong sind ein Spiegelbild der überaus widersprüchlichen Nachrichten, die über die Lage in Beijing verbreitet wurden. 663