Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)
Notwendigkeiten Oder Interessen: Das Settlement In Tianjin und der Bau der Quartiere in Beijing
Georg Lehner - Monika Lehner Im Ministerium des Äußern hatte man andeutungsweise erfahren, dass Großbritannien und Japan ähnliche Erklärungen vorbereiten. Der Gesandte in Beijing wurde angewiesen, sich mit seinen Kollegen über die eventuelle Abgabe einer gleichen Erklärung zu verständigen, die jedoch eine ,,s[einer]z[eit] im Einvernehmen mit der chines[ischen] Regierung zu regelnde Erwerbung eines Settlements“2374 nicht tangierte. Die k. u. k. Vertretung gab die entsprechende Erklärung am 21. oder 22. Februar 19012375 in mündlicher Form ab. Italien gab eine gleich lautende Erklärung ab, Großbritannien und Japan machten Zusätze: Großbritannien begründete seine - sonst gleich lautende - Erklärung mit dem russisch-chinesischen Mandschureiabkommen, während Japan die potenzielle Gefährdung der Integrität Chinas anführte. Diese beiden Zusätze nahm Czikann als Österreich-Ungarn zu weit gehend nicht auf.2376 Noch an dem Tag, an welchem Czikann’s Meldung über die Erwerbung des Settlements in Tientsin im Ministerium des Äußern einlangte, wurden die Ministerpräsidenten von Koerber und von Széll informiert.2377 Diesen Noten waren „Noticen über die Sicherstellung [eines] Settlements in Tientsin“ beigefugt, die untermauern sollten, dass das besetzte Territorium zum Errichtung einer k. u. k. Vertretungsbehörde dienen sollte: Die stetig zunehmende Bedeutung, welche dem chinesischen Reiche in commercieller Hinsicht, insbesondere als Absatzgebiet für den europäischen Exporthandel zukommt, machte es dem k. u. k. Ministerium des Äußern zur Pflicht, die Gründung neuer Consulate daselbst in’s Auge zu fassen, zumal Österreich-Ungarn in China gegenwärtig nur durch ein Consularamt, das Generalconsulat in Schanghai [Shanghai], vertreten ist. Von den im Norden China’s diesfalls in Betracht kommenden Plätzen empfahl sich hiefür in erster Linie die Stadt Tientsin, welche als Handels- und Verkehrscentrum eine herausragende Stellung einnimmt. Was den Handel anbelangt ist der [...] Ort, welcher annähernd eine Million Einwohner zählt, unter den ersten Städten China’s zu nennen, er rangiert unter den Handelsplätzen China’s an dritter Stelle u[nd] ist der wichtigste Handelsplatz für den gesammten Norden des Reiches, sowohl, was den Export als was den Import anbelangt. Als Wirtschaftscentrum ist Tientsin speziell deshalb von Bedeutung, weil es, am Peiho [Baihe], dem Kaisercanal und der von Peking [Beijing] nach Taku [Dagu] führenden Eisenbahn gelegen, die wichtigste Etape für die Verbindung der Hauptstadt des Reiches mit der See ist, - daher auch, wie die letzten Ereignisse gezeigt haben, bei der Sicherang der gedachten Verbindung eine wesentliche Rolle spielte. 2374 Ebenda, fol. 129\ MdÄ an Czikann, Nr. 4 (T.Ch.), Wien, 16.3.1901. 2375 In seinem Telegramm No. 26 vom 22.2.1901 meldete Czikann: „Dem telegraphischen Aufträge vom 16. d.M., No. 4 entsprechend habe ich gestern [...] die vorgezeichnete Erklärung [...] mündlich abgegeben.“ [Ebenda, fol. 153r, Czikann an MdÄ, Telegramm No. 26 (2 672, Chiffre), Peking, 22.2.1901]. In dem bezüglichen Bericht No. 9 vom 23.2.1901 heißt es: „In Befolgung der Hohen Weisung vom 16ten d. M. No. 4 habe ich gestem [...] folgende Erklärung mit dem Ersuchen um Kenntnisnahme und Berichterstattung an den Thron vom k. u. k. Vice Consul Hugo Silvestri mündlich abgeben lassen.“ [Ebenda, fol. 160', Czikann an Gotuchowski, Bericht No. 9, Peking, 23. Februar 1901], 2376 Eben da, fol. 153', Czikann an MdÄ, Telegramm No. 26 (2 672, Chiffre), Peking, 22.2.1901. 2377 Ebenda, fol. 132', MdÄ an v. Koerber (No. 89) und v. Széll (Na 90), Wien, 18.2.1901. 611