Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Die Mächte und die Friedensverhandlungen im Spiegel der Berichte Österreichisch-Ungarischer Diplomaten

Georg Lehner - Monika Lehner Da die japanische Regierung diesen Beteuerungen nicht unbedingt traute, suchte Chinda im Gespräch mit anderen Diplomaten zu klären, wie weit man vertrauen könnte. Der österreichisch-ungarische Botschafter äußerte sich dazu mit außergewöhnlicher Deutlichkeit: In dieser Beziehung habe ich mir eine geringere Reserve auferlegt und dem japanischen Diplomaten nicht verhehlt, dass, wie die Dinge sich entwickelt hätten, eine verschiedene Auslegung der Ziele der russischen Politik in der in Betracht kommenden Gegend kaum mehr möglich sei. Der Gang der Ereignisse sei jedenfalls bestimmender als die Behutsamkeit und der Wunsch des Temporisirens auf russischer Seite. - Russland habe einmal festen Fuß in der Mandschurei gefaßt und werde dort mit oder ohne Zustimmung China’s verbleiben.2048 Gleichzeitig aber waren in St. Petersburg Stimmen laut geworden, welche die Festsetzung an der Südspitze der Liaodong-Halbinsel nicht billigten, da die Anbindung des „in gewißer Hinsicht nicht ganz günstig gelegenen Hafens“ an die Eisenbahn großen finanziellen Aufwand bedeutete.2049 Russland hatte 1898 Port Arthur [Lüshun] an der südlichsten Spitze der Liaodong-Halbinsel besetzt. Wenig später hatte man begonnen, an der südlichen Küste der benachbarten Dalian-Bucht [Dalianwan] die Stadt Dal’nij zu bauen. KA Rudolf Graf Montecuccoli-Polinago, der Kommandant der k. u. k. Escadre in Ostasien, notierte dazu in seinem Tagebuch: Diese wird ein Freihafen werden u. im großartigsten Style angelegt. Dermalen steht schon ein Theil des Ortes, der im Villenstyle gebaut ist. An den Hafenanlagen wird mit aller Kraft gebaut. Es ist noch viel zu leisten, zum Theil sind gegen 25 000 Arbeiter in Beschäftigung und man beabsichtigt bis auf 50 000 zu gehen. - Es wird noch viel gebaggert werden müßen, damit große Dampfer an die Quais anlegen können. - Jedenfalls ist der Platz gut gewählt [!] und wird wenn die sibirische Bahn anno 1902 oder 3 beendet sein wird, wohl aufblühen. Die sonstigen Ufer der Bucht sowie die umgebenden Höhen sind öde und baumlos [...] [25. März] Oberst Sacharow [...] bekam vor 2 Jahren den Auftrag in der Bucht von Talienwan [Dalianwan] eine Stadt zu bauen. Er suchte den südlichen Theil der Bucht aus. - Er hat unbegrenzte Mitteln u. seine Pläne werden von niemandem beeinflußt. Er ist unumschränkter Herr. Nach dem Déjeuner gieng ich trotz meines wehen Fußes an Land und fuhr dann geleitet von Sacharow durch die Stadt d. h. durch jene Gelände welche seinerzeit Stadt werden sollen. An alles hat Sacharow bereits gedacht. - Die electrische Centrale |: Ganz & Co. :| ist bereits in Bau. Für gutes Wasser ist gesorgt, die Anlage von Gärten wird in großem Maße gefördert, vorläufig werden alle Anlagen für eine Stadt von 200 000 Menschen bemessen. - Es ist eine beneidenswerthe Position so etwas schaffen zu können. Im Jahre 1904 [?] wird die sibirische Bahn vollendet sein bis zu diesem Zeitpunkte wird auch Dalnji [Dal’nij] lebensfähig sein.2050 Während KA Montecuccoli die Anlage von Dal’nij [Dalianwan] durchaus positiv sah und als großartige Leistung bewunderte, hatten „maßgebende russische] Kreise“ Kritik geäußert: 8 Ebenda, fol. 395, Aehrenthal an Gotuchowski, Bericht No. 23 B, St. Petersburg, 6.4./24.3.1901. 2049 Ebenda, fol. 396r, Aehrenthal an Gotuchowski, Bericht No. 23 B, St. Petersburg, 6.4./24.3.1901. 2050 KA, Nachlaß B/830, Montecuccoli TB, S. 180-182 [Eintragungen 24. und 25. März 1901], 524

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