Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)
Die Mächte und die Friedensverhandlungen im Spiegel der Berichte Österreichisch-Ungarischer Diplomaten
Es wäre ein Fehler gewesen [...] den günstigen Augenblick verpaßt zu haben, wo die Erwerbung eines Hafens an der Koreanischen Küste denkbar gewesen wäre.2051 Da dieses Vorhaben im Jahr 1901 jedoch als undurchführbar betrachtet wurde, ging es darum, russische Interessen auf der koreanischen Halbinsel zu schützen und die Festsetzung Japans dort zu verhindern. „Die Erwähnung der russischen Pläne auf Korea übt begreiflicher Weise auf jeden Japaner einen deprimierenden Eindruck aus.“2052 Im April 1901 hielt sich der französische Außenminister Théophile Delcassé2053 2054 in St. Petersburg auf, um in direkten Unterhandlungen mit Außenminister Graf Lambsdorff und Finanzminister Witte die Frage der von China zu leistenden Entschädigungen einer Lösung näher zu bringen. Der Beschluss einer endgültigen Regelung war durch die zögernde, schwankende Haltung der britischen Regierung vereitelt worden, da [d]as Cabinet von St. James [...] sowohl sich gegen eine Collectiv-Garantie seitens der Mächte für die aufzunehmende Anleihe, wie auch gegen eine Erhöhung der Opium- Zölle aussprechen [soll].21154 Tatsächlich gelang es Delcassé, das Vertrauen der russischen Führung in die Vorgangsweise der französischen Regierung wiederherzustellen. Die deutsche Seite wertete die Nicht-Teilnahme französischer Truppen an den deutschen Expeditionen entlang der Chinesischen Mauer und die Vorbereitungen zum Rückzug der französischen Truppen aus China als Indiz für die durch die Visite Delcassé’s eingeleitete Verständigung. Großbritannien sah das anders: Botschafter Sir Charles Scott behauptete gegenüber dem russischen Außenminister, die Aktionen des französischen Oberkommandos in China seien schon vor Delcassé’s Aufenthalt in St. Petersburg vorgesehen gewesen und die französischen Truppen [hätten] sich hauptsächlich deshalb beeilt [...] sich [den chinesischen Truppen] entgegenzustellen, um dem Principe gemäß -, daß während der Die Mächte und die Friedensverhandlungen im Spiegel der Berichte ... 2051 HHStA, P.A. X/115, fol. 396', Aehrenthal an Gotuchowski, Bericht No. 23 B, St. Petersburg, 6.4./24.3.1901. [Hervorhebung im Original], 2052 Ebenda, fol. 397', Aehrenthal an Gotuchowski, Bericht No. 23 B, St. Petersburg, 6.4./24.3.1901. 2053 Der österreichisch-ungarische Botschafter in St. Petersburg äußerte sich aus Anlass dieses Besuches in relativ geringschätziger Weise über den französischen Minister: „Die Erscheinung des Euerer Excellenz [d. i. Gotuchowski] persönlich bekannten derzeitigen französischen Ministers des Äußeren kann weder schön, noch imponierend genannt werden. Trotzdem stach die Persönlichkeit Delcassé’s von den auf der französischen Botschaft erschienenen Rathgebem des Tsaren nicht ab. Dieselben sind sowohl was äußere Erscheinung als auch Abstammung betrifft, mit verschwindender Ausnahme, aus demselben Holze geschnitzt, wie die Machthaber in Frankreich. Die Witte, Kuropatkine, der ermordete Bogolessoff [...] entspringen den unteren Volksschichten und entbehren jedes höfischen oder gesellschaftlichen Schliffes. In diesem Moment liegt vielleicht auch eine Erklärung für das Fortbestehen der franco-russischen Allianz, d. i. eine Verbindung zweier Staaten, die, was grundlegende Prinzipien anbelangt, vollkommen entgegengesetzte Wege wandeln sollten.“ (Ebenda, fol. 447', Aehrenthal an Gotuchowski, Bericht No. 26 A-C Vertraulich, St. Petersburg, 27./14.4.1901 ). 2054 Ebenda, fol. 452', Aehrenthal an Gotuchowski, Bericht No. 26 A-C Vertraulich, St. Petersburg, 27./14.4.1901. 525