Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)
Die „Friedensverhandlungen“ zwischen China und den Mächten - Verlauf, Abschluss und Unmittelbare Folgen
Die englische Regierung hatte sich nicht mit der kurzen Nachricht über die Vereinbarungen in Beijing begnügt und wartete auf den Gesamttext des Entwurfes.1678 Da dieser Text noch nicht vorlag, zog Botschafter Graf Deym bei seinen Kollegen Erkundigungen ein und meldete, in London sei man seiner Ansicht nach geneigt, sich der deutschen Auffassung1679 anzuschließen. Nach Unterredungen mit Sanderson und Bertie gelangte der Botschafter zur Überzeugung, dass die hiesige Regierung ganz geneigt war, den Vorschlägen der Vertreter der Mächte ohne Vorbehalt zuzustimmen, namentlich der [...] verlangten Todesstrafe für die Hauptschuldigen, keinerlei Bedenken hatte.1680 Am 26. November informierte Graf Gofuchowski die k. u. k. Vertreter in St. Petersburg, Berlin, London, Paris und Rom, die Bedingungen wären in der Sitzung der Gesandten vom 25. November einstimmig angenommen worden und „haben letztere von ihren Regierungen die Ermächtigung der Überreichung der [...] Punkte an die chines[ischen] Bevollmächtigten erhalten.“ Um die Einigkeit der Mächte zu wahren, hatte er den k. u. k. Gesandten in Peking [Beijing] angewiesen, wenn die Vertreter aller anderen Mächte die in Rede stehende Ermächtigung seitens ihrer Regierungen erhalten, sich dem bezüglichen Schritte anzuschließen.1681 Da die Vertreter der anderen Mächte in Beijing ähnliche Instruktionen1682 hatten - im Prinzip nur dann zuzustimmen, wenn auch alle anderen zustimmen - erscheint es bemerkenswert, dass überhaupt eine Einigung zustande kam. Hervorzuheben ist die Situation der Vereinigten Staaten. Zum einen behinderte der Präsidentschaftswahlkampf die Entscheidungsfindung1683, zum anderen war der Nachrichtenfluss von Beijing nach Washington offenbar eingeschränkt - der k. u. k. Gesandte Hengeimüller berichtete am 1. Dezember 1900: Die „Friedensverhandlungen“ zwischen China und den Mächten ... 1678 Ebenda, Deym an MdÄ, Telegramm No. 164 (1 620, Chiffre), London, 26.11.1900. Siehe dazu auch: Ebenda, Deym an Goluchowski, Bericht No. 83 (Vertraulich), London, 27.11.1900. 1679 Der deutsche Botschafter in London hatte zu verstehen gegeben, seine Regierung würde auf der Vollziehung der Todesurteile nicht unbedingt bestehen, „ließ aber den Wunsch hier ausdrücken, dass von dieser Geneigtheit anderen Kabineten keine Kenntnis gegeben werde.“ (Ebenda, Deym an MdÄ, Telegramm No. 164 (1 620, Chiffre), London, 26.11.1900). 1680 Ebenda, Deym an Goluchowski, No. 83 (Vertraulich), London, 27.11.1900. 1681 Ebenda, Goluchowski an die Vertretungen in Petersburg (No. 62), Berlin (No. 110), Paris (No. 66), London (No. 56) und Rom (No. 62), Wien, 26.11.1900. [Hervorhebung im Original], 1682 So etwa die Vertreter des Deutschen Reichs und Rußlands: „Deutscher Gesandter in Peking hat ganz analoge Instructionen erhalten.“ (Ebenda, Szögyeny an MdÄ, Telegramm No. 225 (3 617, Chiffre), Berlin, 28.11.1900). „Herr Delcassé beauftragte den französischen Gesandten in Peking zur Übergabe des Ultimatums in jeder Form, welche einstimmig von den Mächten angenommen würde, [...]“ (HHStA, P.A. XXIX/22, Dumba an MdÄ, Telegramm No. 52 (6 335, Chiffre), Paris, 29.11.1900). 1683 Am 6.11.1900 wurde McKinley wiedergewählt. Bei den gleichzeitig stattfindenden Wahlen zum Kongress wurde die Mehrheit der Republikaner weiter ausgebaut. Im 57. Kongress (1901-1903) gehörten dem Senat 55 Republikaner, 31 Demokraten und 4 Abgeordnete der People’s Party/Unabhängige an, dem Repräsentantenhaus 197 Republikaner, 151 Demokraten und 9 Abgeordnete der People’s Party/Unabhängige. (Peter Schäfer, Die Präsidenten der USA im 20. Jahrhundert. Biographien - Daten - Dokumente, Berlin-Ost 1990, S. 19 u. S. 21). 451