Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)
Die „Friedensverhandlungen“ zwischen China und den Mächten - Verlauf, Abschluss und Unmittelbare Folgen
Georg Lehner - Monika Lehner Schutzwachen) und 6 (Besetzung von strategisch wichtigen Punkten zwischen Beijing und Tianjin) Probleme aufwerfen.1644 Die französische Seite betrachtete dies irrigerweise als bedingungslose Zustimmung der königlich italienischen Regierung, was jedoch von Italien bald relativiert wurde, da die italienische Regierung das Einvernehmen mit den Deutschen suchte.1645 Nachdem die Stellungnahmen der Kabinette in London1646, St. Petersburg, Rom und Berlin zu den französischen Vorschlägen in Wien bekannt geworden waren,1647 wurde die Antwort Österreich-Ungams formuliert: Ich habe die Frage des französischen] Vertreters über eine Stellungnahme dieser Mittheilung gegenüber dahin beantwortet, daß ich angesichts der relativ geringen Bedeutung unserer Interessen in China und da ich in erster Linie auf die Erhaltung des Einvernehmens zwischen den Mächten, Gewicht lege, gerne bereit sei den Vorschlägen des französischen Ministers zuzustimmen, wenn von Seite aller übrigen Cabinete in ähnlicher Weise vorgegangen werden sollte.1648 Damit war die Position Österreich-Ungams bei den Verhandlungen mit China offensichtlich: Man war zwar überall vertreten,1649 wollte jedoch keineswegs wie auch immer geartete Initiativen ergreifen. Die Vertreter der Mächte einigten sich, alle Forderungen in einer Kollektivnote vorzulegen, die aus zwei Teilen bestehen sollte: Im ersten Teil sollten die Vorgänge des Sommers 1900 und die Verbrechen gegen die Angehörigen fremder Nationen zusammengefasst werden, im zweiten Teil sollten die Kompensationsforderungen der Mächte festgehalten werden. Zur Redaktion dieser Note, die den Bevollmächtigten Chinas übergeben werden sollte, wurde eine Kommission eingesetzt: Czikann, Salvago-Raggi und d’Anthouard1650 sollten den Text 1644 Ebenda, Kuhn an Gotuchowski, Bericht No. 53 (Vertraulich), Rom, 6.10.1900. 1645 Ebenda, Kuhn an Goluchowski, Bericht No. 54 A-C, Rom, 8.10.1900. 1646 Die Annahme der französischen Vorschläge durch die Regierung meldete der k. u. k. Geschäftsträger erst am 12.10.1900. Siehe HHStA, P.A. XXIX/21, Mensdorff an MdÄ, Telegramm No. 135 (9 701, Chiffre), London, 12.10.1900. Ebenda Mensdorff an Gotuchowski, Bericht No. 74 C, London, 12.10.1900. Lord Salisbury hatte den Vorschlag bis auf den letzten Punkt (gemeinsame Besetzung fester Plätze auf der Route Beijing-Tianjin) angenommen. Obwohl die englische Antwort relativ spät bekannt geworden war, erklärte der französische Außenminister im Gespräch mit dem k. u. k. Geschäftsträger: „[...] Lord Salisbury sei ganz gegen seine Gewohnheit unter den Ersten gewesen, die geantwortet hätten und zwar mit der rückhaltlosen Annahme des französischen Vorschlages.“ [Ebenda, Dumba an Gotuchowski, Bericht No. 45 A-C, Paris, 13.10.1900], 1647 Die Position der US-Regierung, welche die französischen Vorschläge mit Vorbehalten annahm, wurde erst später bekannt. Vollinhaltlich angenommen wurden die Vorschläge Deutschlands, was Ladislaus Freiherr von Hengeimüller, der k. u. k. Gesandte, dem laufenden Präsidentschaftswahlkampf (McKinley - Bryan) zuschrieb [HHStA, P.A. XXIX/21, Hengelmüller an Gotuchowski, Bericht No. 26, Newport, 15.10.1900], 1648 Ebenda, Gotuchowski an die Vertretungen in London (No. 45), Paris (No. 58), Berlin (No. 98), Petersburg (No. 50), Rom (Qui[rinal]) (No. 52) Chiffre , Wien, 8.10.1900. 1649 Czikann nahm - mit Ausnahme der ersten beiden - an allen „Gesandten-Sitzungen“ teil, in den Protokollen finden sich jedoch nur sehr selten Diskussionsbeiträge. 1650 Baron d’Anthouard. 446