Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Erbschaft und Erben - Arnold Suppan: Die Nationalitäten Österreich-Ungams und ihre Selbstbestimmung im 20. Jahrhundert

Arnold Suppan von der Pariser Friedenskonferenz 1919/20 vorgenommene politische Neuordnung der Region etablierte „Zwischeneuropa“ als kleinstaatlich organisierten ,cordon sanitaire’ zwischen Deutschland und dem bolschewistischen Rußland. Obwohl Deutschland und Rußland besiegt waren, mußten sie von ihren Poten­tialen her weiterhin als zukünftige Großmächte eingeplant werden. Vom Gebiet der ehemaligen Habsburgermonarchie erhielt die Tschechoslowakei den größten An­teil, nämlich 140 000 km2, gefolgt von Jugoslawien (130 000 km2), Rumänien (105 000 km2), Ungarn (92 000 km2), Österreich (84 000 km2 *), Polen (80 000 km2) und Italien (30 000 km2). Jugoslawien und Rumänien hatten damit aus der Erbmas­se der Monarchie mehr Land bekommen als die nun verkleinerten Staaten Ungarn und Österreich behalten durften. Von den 51 Millionen Einwohnern der Monarchie fielen 13,6 an die Tschechoslowakei, 8,2 an Polen, 7,7 an Jugoslawien, 7,6 an Un­garn, 6,5 an Österreich, sechs an Rumänien und 1,4 Millionen an Italien.8 Den auf der Pariser Friedenskonferenz versammelten Staatsmännern und Diplo­maten ist es aber trotz intensiver Beratungen unter Heranziehen vieler wissen­schaftlicher Expertisen nicht gelungen, eine einigermaßen stabile europäische Frie­densordnung oder gar ein Weltfriedenssystem zu errichten. Die Gründe dafür lagen zum einen in der Totalität des Ersten Weltkrieges, die sowohl zu einer vollständi­gen Mobilisierung des Wirtschaftspotentials als auch zu einer weitgehenden psy­chologischen Mobilisierung der Bevölkerung mit deutlicher Verschärfung der Feindbilder geführt hatte; zum anderen in dem Bestreben der Regierungen, entwe­der als Sieger einen größtmöglichen Gebietszuwachs zu erringen oder als Verlierer die schmerzhaftesten Verluste abzuwenden. Die territorialen Bestimmungen der Friedens Verträge von Versailles, Saint-Germain, Trianon, Neuilly und Sèvres be­nachteiligten jedenfalls die Deutschen, die Deutsch-Österreicher, die Magyaren, die Ukrainer, die Weißrussen, die Bulgaren und die Türken zugunsten der Franzosen, der Belgier, der Polen, der Tschechen, der Slowaken, der Serben, der Rumänen, der Griechen und der Italiener. Aber auch die Albaner sahen sich gegenüber den Ser­ben sowie die Kroaten und Slowenen wiederum gegenüber den Italienern benach­teiligt.9 Die neuen Grenzen lösten einerseits starke Migrationswellen aus - zum Beispiel von österreichischen und ungarischen Beamten und Angestellten aus allen Nach­folgestaaten in das kleine Österreich und Ungarn, von Tschechen und Slowaken in die CSR, von im Ersten Weltkrieg aus dem Osten geflüchtete Juden nach Galizien, nungsfeld der Großmächte. Wirtschaft und Politik in Mittel- und Südosteuropa in der Zwischen­kriegszeit. Wien 1988. 8 Batowski, Henryk: Miêdzy dwiema wojnami 1919-1939. Zarys historii dyplomatycznej (Zwischen zwei Kriegen. Abriß der diplomatischen Geschichte). Krakow 1988; Suppan, Arnold: Jugoslawien und Österreich 1918-1938 Bilaterale Außenpolitik im europäischen Umfeld. Wien- München 1996, S. 101-107. 9 Orm o s , Maria: From Padua to the Trianon 1918-1920. Boulder 1990. 80

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