Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Erbschaft und Erben - Arnold Suppan: Die Nationalitäten Österreich-Ungams und ihre Selbstbestimmung im 20. Jahrhundert

von Südslawen nach Jugoslawien; andererseits entstanden eine ganze Reihe neuer Minderheiten. Zu den Nationalitätenproblemen der Vorkriegszeit kamen ungefähr gleich viele neue Minderheitenprobleme hinzu. Somit wurde auch zwischen den beiden Weltkriegen die Minderheitenfrage zu einem der wichtigsten politischen Probleme. Die größten neuen Minderheiten bildeten die Magyaren in Rumänien, der Tschechoslowakei und Jugoslawien, die Deutschen in Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Jugoslawien, die Ukrainer in Polen, der Tschechoslowakei und Rumänien, die Rumänen und Türken in Jugoslawien, sowie die Serben und Russen in Rumänien.la Alle Staaten Ostmittel- und Südosteuropas waren Nationalitätenstaaten, die in den Friedens Verträgen bzw. in den parallel dazu abgeschlossenen Minderheiten­verträgen den Staatsangehörigen anderer Rasse (= Nation), Sprache oder Religion individuellen Schutz im Schulwesen, vor Ämtern und Gerichten einzuräumen hat­ten. Aber die neuen Staatsnationen, also die größten Nationalitäten in den neuen Staaten, die sich nun als Staatsnationen betrachteten, erwarteten von der nationalen Befreiung und Vereinigung sowie von der staatlichen Selbständigkeit vor allem eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen und waren nicht bereit, die nationalen Fragen demokratisch und tolerant zu lösen. Die meisten Minderheiten wurden da­her politisch diskriminiert oder unterdrückt, vielfach sozial benachteiligt und er­niedrigt und immer wieder auch wirtschaftlich ausgenutzt. Dies führte zu ständigen Auseinandersetzungen zwischen den Staatsnationen und den nationalen Minder­heiten, schuf neue Ressentiments und Feindbilder, forderte den Chauvinismus auf beiden Seiten und begünstigte bald Irredenta und Revisionismus.11 Damit bildeten die Minderheitenprobleme nach 1918 in der internationalen Politik einen noch stärkeren Faktor als vor 1914. In Ostmittel- und Südosteuropa ist hiebei auf die Auseinandersetzungen um Wilna, um das Memel-Gebiet und Danzig, um Ober­schlesien, die deutschen Sudetengebiete, die südliche Slowakei, Siebenbürgen, Ostgalizien, Bessarabien, die Dobrudscha, Mazedonien, die Vojvodina und Istrien zu verweisen.10 11 12 Der Völkerbundrat als das höchste Gremium des Völkerbundes, in dem Groß­britannien, Frankreich, Italien und Japan, Deutschland (ab Herbst 1926 bis zu sei­nem Austritt 1933) und ab 1934 die Sowjetunion Mitglieder waren, hätte die Auf­gabe gehabt, diese Auseinandersetzungen zu schlichten. Trotz hunderter Petitionen von Angehörigen verschiedener Minderheiten griff er aber nur selten ein, da gerade die beiden westlichen Führungsmächte Frankreich und Großbritannien den Staatsnationen den Vorzug gaben. Das wiederum hing mit dem nationalstaatlichen Die Nationalitäten Österreich-Ungams und ihre Selbstbestimmung im 20. Jahrhundert 10 Vgl. Suppan : Jugoslawien, Karte 1. 11 Rothschild, Joseph: East Central Europe between the Two World Wars. Seattle-London 1977. 12 Ethnic Groups in International R e 1 a t i o n s, ed. by Paul Smith in collaboration with Kalliopi Koufa and Arnold Suppan. Aldershot-New York 1991 (Comparative Studies on Govern­ments and Non-Dominant Ethnic Groups in Europe, 1850-1940, vol. V). 81

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