Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)
Erbschaft und Erben - Arnold Suppan: Die Nationalitäten Österreich-Ungams und ihre Selbstbestimmung im 20. Jahrhundert
zungen schlichten. Als ein regionaler Bund der betroffenenVölker sollte er dem allgemeinen Völkerbund angegliedert werden. Nur so ließe sich seiner Ansicht nach verhindern, daß die mittel- und osteuropäischen Nationalitätenkonflikte erneut auf das gesamte Staatensystem übergreifen und die ganze Welt in Brand setzen würden.5 Die Niederlage in einem Großkrieg konnte verschiedene politische und soziale Konsequenzen haben, wie die Beispiele Frankreich 1815, Rußland 1856, Österreich 1866, Frankreich 1870 und Rußland 1905 zeigten. Die amerikanischen, britischen, fanzösischen und italienischen Staatsmänner mußten sich im Oktober 1918 fragen, worin die politischen und sozialen Konsequenzen der militärischen Niederlage Deutschlands, Österreich-Ungams und des Osmanischen Reiches liegen würden. Viele Amerikaner und Briten fürchteten den Einbruch des Bolschewismus in Mitteleuropa. Aber Marschall Foch und General Diaz trafen Vorkehrungen dagegen und erhielten dabei von Georges Clemenceau und Sidney Sonnino Unterstützung. Im Waffenstillstand mit der k. u. k. Armee sicherten sie sich daher auch das Recht, strategische Punkte in Österreich-Ungarn zu besetzen, vor allem, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Diese sicherten aber bereits Trappen der neuen Nationalräte in Prag, Krakau, Lemberg, Budapest, Arad, Agram, Laibach und-wenige Wochen später - auch in Wien. Die Habsburgermonarchie war bereits in ihre Hauptbestandteile zerfallen. Es gehört zu den Paradoxa der Geschichte, daß an der italienischen Front gemeinsam mit etwa 100 000 bis 150 000 Deutsch-Österreichern gleichzeitig 83 000 Tschechen und Slowaken, 61 000 Südslawen, 40 000 Polen, 32 000 Ukrainer, 25 000 Rumänen und sogar 7 000 Italiener in italienische Kriegsgefangenschaft geraten waren.6 Die nationalpolitische Neuordnung 1919/20 Der Ausgang des Ersten Weltkrieges entrückte Ostmittel- und Südosteuropa zumindest in den ersten Jahren der Einflußsphäre Deutschlands und Österreichs; damit ging teilweise auch die Rolle Wiens als Handels- und Finanzzentram verloren. Ostmittel- und Südosteuropa benötigten aber infolge des Übergewichtes der Landwirtschaft auch weiterhin Absatzmärkte für ihre Agrarprodukte. Somit waren Politik und Wirtschaft der Länder Ostmittel- und Südosteuropas während der gesamten Zwischenkriegszeit von der Frage bestimmt, ob sie sich im Rahmen der Hegemoniebestrebungen der Großmächte oder am Markt durchsetzen würden.7 Die Die Nationalitäten Österreich-Ungarns und ihre Selbstbestimmung im 20. Jahrhundert 5 Mayer, Amo J.: Politics and Diplomacy of Peacemaking. Containment and Counterrevolution at Versailles, 1918/19. London 1968, S. 53-89; Sked, Alan: The Decline and Fall of the Habsburg Empire 1815-1918. London-New York 1989, S. 258-264. 6 Deâk, Istvân: The Habsburg Army in the First and Last Days of World War 1. In: East European Society in World War 1, ed. by. B. K. Kirâly and N. F. Dreisiger. New York 1985, S. 301-312. 7 Ränki, György: Economy and Foreign Policy. The Struggle of the Great Powers for Hegemony in the Danube Valley 1919-1939. New York 1983; Teichova, Alice: Kleinstaaten im Span79