Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Erbschaft und Erben - Arnold Suppan: Die Nationalitäten Österreich-Ungams und ihre Selbstbestimmung im 20. Jahrhundert

DIE NATIONALITÄTEN ÖSTERREICH-UNGARNS UND IHRE SELBSTBESTIMMUNG IM 20. JAHRHUNDERT von Arnold Suppan Zwischen Niederlage und Zerfall Der Zerfall der Habsburgermonarchie war nicht in erster Linie das Werk des ser­bischen Ministerpräsidenten Nikola Pasic oder des tschechischen Universitätspro­fessors Tomâs G. Masaryk, nicht das Werk des Dalmatiner Kroaten Ante Trumbic oder des slowakischen Hauptmanns in französischen Diensten, Milan Stefänik, schon gar nicht des slowenischen Priesters Anton Korosec oder des polnischen Obersten Jözef Pilsudski, der im letzten Kriegsjahr in deutscher Festungshaft in Magdeburg saß. Der Zerfall der Habsburgermonarchie, der sich zwischen dem 28. Oktober und dem 3. November 1918 innerhalb nur einer Woche vollzog, war eine Konsequenz aus Strategie und Politik der Großmächte im Verlauf des Ersten Welt­krieges. In dieser nahezu totalen Auseinandersetzung konnten zwar die Mittel­mächte Deutschland und Österreich-Ungarn die Gegner Rußland und Rumänien zu einem Waffenstillstand und Friedensschluß zwingen, jedoch unterlagen sie in der im Frühjahr 1918 beginnenden entscheidenden Auseinandersetzung den militärisch und wirtschaftlich vereinten Anstrengungen der Vereinigten Staaten, Großbritanni­ens, Frankreichs und Italiens.1 Das Nationalitätenproblem, das spätestens seit 1848 das Reich der elf „Volksstämme“ - Deutsche, Magyaren, Tschechen, Polen, Ukrainer (Ruthenen), Rumänen, Kroaten, Serben, Slowaken, Slowenen und Italiener sowie die konfes­sionellen Gruppen der Juden und Muslime (in Bosnien-Herzegowina) - innen- wie außenpolitisch bewegte, bildete das schwierigste innenpolitische Problem des Habsburgerstaates. Es war nicht nur eine Frage der modernen Nationsbildung in­nerhalb der Habsburgermonarchie, sondern ebenso eine Frage der Einordnung in den europäischen Prozeß der Nationalstaatsbildung. Daraus ergaben sich für die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie seit dem „Ausgleich“ von 1867 zwei fundamentale Problembereiche, in denen sich Innen- und Außenpolitik wechselsei­tig beeinflußten: 1 Vgl. Taylor, A. J. P: The Struggle for Mastery in Europe, 1848-1918. Oxford 1971; Soutou, Georges-Henri: L’Or et le Sang. Les buts de guerre économique de la première guerre mondiale. Paris 1989; Hildebrand, Klaus: Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler 1871-1945. Darmstadt 1995, S. 302-379; Ferguson, Naill: The Pity of War. London 1998. S. 442-448; Davies, Norman: Europe. A History. Oxford 1996, S. 897-921. 75

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