Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Von der alten zur neuen Ordnung - Vladimir Vertlib: Verfolgung. Anpassung. Emigration. Die Geschichte der Juden im Russischen Reich, der Sowjetunion und der GUS. Ein Längsschnitt

Verfolgung. Anpassung. Emigration. erde“ gegen fremde Invasoren geführt. Plötzlich war die Zugehörigkeit zu einer der slawischen Nationen wichtiger als die Klassenherkunft. Jüdischer Herkunft zu sein, wurde ein Makel. Jenes Land, das die Hauptlast des Kampfes gegen den National­sozialismus trug, nahm selbst zunehmend faschistoide Züge an. Die Deportation ganzer Völker, die pauschal der Kollaboration mit den Okkupanten bezichtigt wur­den (Krimtataren, Tschetschenen, u. a.), ist das extremste Beispiel dafür. Die antijüdischen Maßnahmen der Vierziger- und Fünfzigerjahre waren somit nur die logische Konsequenz der Politik eines Regimes, das verstärkt den Nationa­lismus als Mittel zur Stabilisierung der Macht einsetzte. Wohlweislich vermied man es schon während des Krieges, auf die Massenvemichtung der Juden und die besonderen Leiden des jüdischen Volkes hinzuweisen. Schließlich kämpfte man nicht „für die Juden“, sondern für das Überleben der eigenen, vorwiegend slawi­schen Völker. Bis in die Achtzigerjahre blieb der Holocaust in der Sowjetunion ein Tabuthema. Das von den Schriftstellern Ilja Ehrenburg und Wassilij Grossmann zusammengestellte „Schwarzbuch“ - eine Sammlung von Dokumenten und Au­genzeugenberichten über die Vernichtung der Juden in den von den Nazis besetz­ten Gebieten der Sowjetunion - ist „verlorengegangen“, als es in Satz gegeben wurde. Das „Schwarzbuch“ war allerdings davor schon im Westen und in Rumäni­en veröffentlicht worden. Das Phänomen des Faschismus und der Kollaboration wurde bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion nicht aufgearbeitet. Das war nur zu verständlich, denn jede ernsthafte Analyse des Faschismus hätte sofort zu ge­fährlichen Analogieschlüssen geführt. Tragischer Höhepunkt der Hexenjagd der Jahre 1948 bis 1953 war das Verfahren gegen die Mitglieder des Jüdischen Antifaschistischen Komitees (JAFK), dem führende jüdische Künstler und Wissenschaftler angehörten. Das JAFK, 1942 ge­gründet, sollte für den Kampf gegen den Faschismus im In- und Ausland werben. Auch nach 1945 wurde das Komitee vorerst nicht aufgelöst. Vorsitzender war der 1948 ermordete Michoels. In den Jahren 1948 und 1949 wurden alle führenden JAFK-Mitglieder festgenommen: Dowid Bergelson, Erzähler und Dramatiker; er gilt als der größte jiddische Prosaschriftsteller der Sowjetunion; Leib Kwitko, jid­discher Lyriker, Erzähler und populärer Kinderbuchautor, seine Bücher erreichten in russischen Übersetzungen Millionenauflagen; der Schriftsteller Perez Märkisch, einer der bedeutendsten jiddischen Lyriker der Moderne; der Verlagsleiter und Parteifunktionär Solomon Losowski, der während des Krieges Stellvertretender Volkskommissar (Minister) für Auswärtige Angelegenheiten gewesen war; der Schauspieler Weniamin Suskin, Nachfolger von Michoels als Leiter des Jiddischen Theaters in Moskau, um nur die wichtigsten zu nennen. Sie alle wurden als ver­meintliche Landesverräter, Spione und jüdische Nationalisten am 12. August 1952 erschossen. Die sowjetischen Exekutionskommandos vollendeten das Werk der Nazis. Die Hingerichteten oder im Lager Umgekommenen waren die letzten in der traditio­65

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