Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Von der alten zur neuen Ordnung - Vladimir Vertlib: Verfolgung. Anpassung. Emigration. Die Geschichte der Juden im Russischen Reich, der Sowjetunion und der GUS. Ein Längsschnitt

Vladimir Vertlib nellen Kultur des Ostjudentums verwurzelten und noch in Osteuropa lebenden Vertreter einer intellektuellen jüdischen Elite, und die oben aufgezählten Schrift­steller werden, zusammen mit dem schon 1950 im Gefängnis verstorbenen Autor Der Nister, inzwischen zu den Klassikern der modernen jiddischen Literatur ge­zählt. Nach ihrer Ermordung gab es in der Sowjetunion keine Jiddisch schreiben­den Schriftsteller von Rang mehr. Neue Bücher durften ohnehin nicht mehr publi­ziert werden. Im Jahre 1928 waren in der Sowjetunion noch 238 jiddische Bücher mit einer Gesamtauflage von 875 000 Exemplaren erschienen. Im November 1948 wurde der letzte jiddische Verlag des Landes geschlossen. Erst mehrere Jahre nach Stalins Tod wurden einige wenige neue Publikationsorgane zugelassen. Was in den Jahren nach dem Krieg und bis 1953 in der Sowjetunion geschah, kann man durchaus als „Nachspiel zum Holocaust“ bezeichnen. Auf Stalins Tod folgte die sogenannte „Entstalinisierung“ und die Liberalisierung unter Chruschtschow. Für das sowjetische Judentum war dies - so scheint es auf den ersten Blick - eine ruhigere Zeit, eine Zeit des Atemholens. In den Sechziger- und Siebzigerjahren gehörten die Juden zu jenen Nationalitäten in der Sowjetunion, die sich am stärksten an das slawische, vor allem russische Umfeld akkulturiert und assimiliert hatten. Während nur 0,7 Prozent der sowjeti­schen Bevölkerung Juden waren, betrug um 1980 der jüdische Anteil bei den so­wjetischen Wissenschaftlern etwa fünf Prozent, bei Medizinern lag er bei 3,5 Pro­zent und bei Künstlern und Schriftstellern über sechs Prozent. Auf je 10 000 jüdi­sche Einwohner kamen 300 Studenten, während es im Landesdurchschnitt mit 200 je 10 000 Personen ein Drittel weniger waren. 1976 waren 1,9 Prozent der KPdSU- Mitglieder Juden - 13,7 Prozent der jüdischen Bevölkerung. Keine andere Volks­gruppe hatte so viele Parteimitglieder aufzuweisen. Aufstiegsmöglichkeiten im Partei- und Staatsapparat blieben den Juden allerdings versperrt. Nach Stalins Vemichtungsfeldzug gegen die jüdische Kultur, der dem russischen Judentum endgültig sein historisches Fundament raubte, hätten die sowjetischen Machthaber bei entsprechend „gewiefter“ Politik wohl das erreicht, was andere Herrscher jahrhundertelang nicht durchzusetzen vermochten, nämlich die Assimi­lation und de facto die Auflösung der jüdischen Minderheit in der russischen Mehrheit. Zu Beginn der Achtzigerjahre sprach kaum mehr ein Jude Jiddisch, nur etwa fünf Prozent besuchten regelmäßig die Synagoge, und die Zahl der Mischehen stieg stetig an. Lebten 1959 offiziell noch 2,3 Millionen Juden in der Sowjetunion, waren es 1970 nur noch 2,1 Millionen, 1979 1,8 Millionen und 1989 1,4 Millionen. Diese Zahlen beziehen sich natürlich auf die schon erwähnten „Paßjuden“. Mit den halachischen Bestimmungen, wer Jude ist, haben sie nichts zu tun. Dennoch blieb der staatliche Antisemitismus sowohl unter Chruschtschow als auch unter Breschnew ein wesentlicher Bestandteil sowjetischer Politik. Juden wurden im Berufsleben, bei der Ausbildung und im Alltag, bei Behördengängen und anderen Kontakten mit der Staatsmacht benachteiligt. Auch der Antisemitis­66

Next

/
Oldalképek
Tartalom