Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Von der alten zur neuen Ordnung - Vladimir Vertlib: Verfolgung. Anpassung. Emigration. Die Geschichte der Juden im Russischen Reich, der Sowjetunion und der GUS. Ein Längsschnitt

Vladimir Vertlib wird, sollen schließlich alle Juden in entlegene Teile Sibiriens deportiert werden, „um die jüdische Bevölkerung vor dem gerechten Zorn des russischen Volkes zu schützen“, wie es heißt. Nach dem Tod Stalins im März 1953 wird von der Ausfüh­rung dieses Plans Abstand genommen. Auch die verhafteten „Mörderärzte“ kom­men frei. Was ist geschehen? Wie kam es zu dieser rassistischen Politik in der angeblich „internationalistischen“ Sowjetunion? Schon 1939, nach dem Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes, begann man Juden aus führenden Positionen zu verdrängen. Als die Hitlerarmeen 1941 in die Sowjetunion eindrangen, fiel ihre antisemitische Propaganda auf fruchtbaren Boden. Der tradi­tionelle Antisemitismus flammte wieder auf. Zahlreiche Menschen in den besetzten Gebieten wurden - wie schon erwähnt - zu Handlangem der Nazis bei der Ermor­dung von Juden. Zudem wurde in breiten Teilen vor allem der bäuerlichen Bevöl­kerung das verhaßte Sowjetregime gemeinhin als jüdisch angesehen. In der Tat hatte bald nach der Oktoberrevolution die Verwaltung des neuen Staates zahlreiche Juden in ihren Reihen. Als Angehörige eines während der Za­renzeit brutal unterdrückten Volkes standen viele Juden den neuen Machtverhält­nissen positiv gegenüber. Außerdem war die städtische Intelligenz und das Bür­gertum, damnter natürlich auch das jüdische, vernichtet, vertrieben oder per Gesetz von der Macht ausgeschlossen. Eine große Zahl von Juden konnte hingegen auf eine „proletarische Herkunft“ und ein für die Karriere im neuen Staat erforderli­ches Mindestmaß an Bildung verweisen. Als besonders tragisch sollte sich die Beteiligung einzelner Funktionäre jüdischer Herkunft an der sogenannten „Entkulakisierung“, dem Bauemgenozid zu Beginn der Dreißigerjahre, erweisen. Dies hat den Antisemitismus im ländlichen Raum noch verstärkt. Allzu schnell wurde von den Verbrechen einzelner auf eine ganze Volksgruppe geschlossen. Von einem „jüdischen Bolschewismus“ zu sprechen ist jedenfalls absurd. In den oberen wie unteren Etagen der Macht blieben die Juden immer eine Minderheit. Die große Masse der jüdischen Bevölkerung hatte unter den Auswüchsen des Roten Terrors genauso zu leiden wie die Angehörigen aller anderen Völker der Sowjetunion. Die antijüdische Propaganda schwappte bald auch in den unbesetzten Teil des Landes über. Im sowjetischen Hinterland wurden Juden von der Bevölkerung be­leidigt und bedroht. Die aus der Armee und dem Hinterland zurückgekehrten Juden waren offenen und agressiven Übergriffen ausgesetzt. 1945 fand in Kiew ein Po­grom statt. Den Machthabern gelang es geschickt, diesen neu aufgeflammten Antisemitis­mus für ihre Zwecke auszunützen und die Verbitterung breiter Teile der Bevölke­rung über den Terror des stalinistischen Regimes auf die Juden umzuleiten. Durch Hitlers Armee in seiner Existenz bedroht, absentierte sich das Regime zudem von seinem „internationalistischen“ Charakter. Deshalb wurde der Krieg nicht in erster Linie als Kampf gegen den Faschismus, sondern zur Verteidigung der „Mutter­64

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