Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)
Von der alten zur neuen Ordnung - Vladimir Vertlib: Verfolgung. Anpassung. Emigration. Die Geschichte der Juden im Russischen Reich, der Sowjetunion und der GUS. Ein Längsschnitt
Verfolgung. Anpassung. Emigration. Der erste Massenmord, den das russische Judentum in unserem Jahrhundert zu erleiden hatte, waren die Massaker während des russischen Bürgerkrieges in den Jahren von 1918 bis 1921 zwischen den bolschewistischen „Roten“ und den antikommunistischen „Weißen“. Schon die Pogrome von 1903, in der bessarabischen Stadt Kischinew, und 1905 forderten mehr Menschenleben als jene von 1881. Die Judenmassaker durch antikommunistische weiße Truppen sowie durch zahlreiche andere Banden mit verschiedenen politischen Zielen und auch ohne politische Ziele kosteten 150.000 Juden das Leben. In geringerem Maße waren auch rote Truppen an den Massakern beteiligt. Die Morde während des russischen Bürgerkrieges waren die größte Katastrophe für das Judentum, seit im 17. Jahrhundert der Kosaken- führer Bogdan Chmelnitzky die ukrainischen Juden beinahe ausgerottet hatte. Die Morde widerspiegelten nicht nur den Judenhaß der Bevölkerung, der sich in einer Zeit der Rechtlosigkeit ungehindert entfalten konnte. Die „Weißen“ setzten zudem Bolschewismus und Judentum gleich. Das war insofern absurd, als gerade die große Masse der jüdischen Bevölkerung damals traditionell und religiös eingestellt war und den atheistischen Kommunisten sehr reserviert oder gleichgültig gegenüberstand. Zwar waren Leo Trotzki, der erste Staatschef von Sowjetrußland, Jakow Sverdlow, und einige andere führende Bolschewiken jüdischer Herkunft, doch nur vier Prozent der Parteimitglieder waren im Jahre 1917 Juden. Als der Bürgerkrieg zu Ende war, verbesserte sich die Lage der Juden im Vergleich zur Zeit vor der Revolution. Etwa drei Millionen Juden lebten vor 1939 in der Sowjetunion; nach der neuerlichen Teilung Polens und der Angliederung Bessarabiens, der Nordbukowina und des Baltikums kamen weitere zwei Millionen hinzu. Die unter dem Zarenregime geltenden diskriminierenden Beschränkungen waren schon nach der Februarrevolution 1917 aufgehoben worden. In den Zwanzigerjahren wanderten hunderttausende Juden aus dem ehemaligen „Siedlungsrayon“ in die Großstädte (v. a. Moskau, Leningrad und Kiew) ab, was bei den meisten zur Ak- kulturation an die russische Umgebung führte. Im ostsibirischen Birobidschan schuf man sogar eine autonome jüdische Region. Dies erwies sich allerdings als Fehlschlag, da schon bald nur noch wenige Juden in diese entlegene Gegend übersiedeln wollten. In Weißrußland und der Ukraine wurden öffentliche Schulen mit jiddischsprachigem Unterricht, jiddische Bibliotheken und andere Bildungseinrichtungen geschaffen. Eine (säkuläre!) ostjüdische Kultur wurde propagiert. Auch die 1918 gegründete Jüdische Sektion der Kommunistischen Partei (Jewsekzija) bemühte sich, die jüdische Bevölkerung politisch zu bolschewisieren und sozial zu sowjetisieren. Wenn man in diesem Zusammenhang von „Juden“ spricht, so sind damit keineswegs nur Personen jüdischen Glaubens gemeint. Für die sowjetischen Machthaber war das Judentum eine Ethnie. Die Religionszugehörigkeit spielte genauso wenig eine Rolle wie die Tatsache, ob sich jemand selbst als Jude fühlte oder nicht. Als 61