Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Von der alten zur neuen Ordnung - Vladimir Vertlib: Verfolgung. Anpassung. Emigration. Die Geschichte der Juden im Russischen Reich, der Sowjetunion und der GUS. Ein Längsschnitt

Vladimir Vertlib Juden galten Sowjetbürgerinnen, denen in ihren Identitätsausweis in die Rubrik „Nationalität“ Jude eingetragen wurde. Diesen Paß erhielten alle Bürger mit Voll­endung des 16. Lebensjahres ausgestellt. Man war „Jude“, wenn beide Eltemteile laut Paß jüdisch waren. Hatten die Eltern verschiedene Nationalitäten, konnte das Kind zwischen den beiden Nationalitäten wählen, ohne jedoch die Wahl später jemals wieder rückgängig machen zu können. Wer Jude war, wurde demnach nach Abstammungskriterien bestimmt. Wie andere Religionsgemeinschaften war auch die jüdische seit Beginn der kommunistischen Herrschaft Unterdrückungsmaßnahmen ausgesetzt. Jüdischer Herkunft zu sein war in den Zwanziger- und Dreißigerjahren kein Makel, wohl aber, das Judentum als Religion zu praktizieren. So wurden Synagogen geschlos­sen, Rabbiner festgenommen, Bücher beschlagnahmt und religiöse Zeremonien untersagt. Bei einem Volk, dessen Kultur so eng mit der Religion verbunden ist, mußte eine solche Politik folgerichtig zu Identitätsverlust führen, und schon bald wurde ein starker Assimilationsdruck spürbar. Die Schließung der erst wenige Jahre zuvor eingerichteten jiddischen Schulen in den Dreißigerjahren und ihre Umwandlung in russische, ukrainische oder weißrussische war ein Zeichen dafür. Trotzdem brachte die Sowjetunion in jener Zeit bedeutende Künstler hervor - Schriftsteller, Liedermacher, Schauspieler - die sich weiterhin des Jiddischen bedienten. Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es ein reges jüdisches Kulturleben. Als Stalin Ende der Dreißigerjahre das Land mit einem noch nie dagewesenen Terror überzog, waren Nichtjuden wie Juden gleichermaßen davon betroffen. Al­lerdings waren viele der prominentesten Angeklagten der großen Schauprozesse jüdischer Herkunft: Sinowjew, Kamenew, Radek ... Auch Trotzki, 1940 auf Ge­heiß Stalins in Mexiko ermordet, war Jude. Die alte Führungsschicht, in der Juden stark vertreten waren, wurde liquidiert. Trotzdem: Eine eindeutig als antisemitisch zu bezeichnende Politik ist damals, im Unterschied zu späteren Jahren, noch nicht auszumachen. Im System der Repression ist eine derartige, gegen eine spezielle Volksgruppe oder Religionsgemeinschaft gerichtete Tendenz noch nicht erkennbar. Der verhaftete „Klassenfeind“ oder der angebliche Trotzkist konnte genauso Jude sein wie ein Untersuchungsrichter, der Leiter eines Exekutionskommandos oder ein Parteisekretär. Die Entfaltung des sowjetischen Judentums in seinen traditionellen Siedlungsge­bieten im Westen des Landes wurde 1941 mit dem Angriff Nazideutschlands auf die Sowjetunion jäh unterbrochen. Etwa 900 000 Juden konnten noch vor den an­rückenden deutschen Truppen flüchten. Mehr als eine Million wurde jedoch von den Nazis ermordet-die meisten von SS-Einsatztruppen, teilweise unter Mithilfe und Duldung der Deutschen Wehrmacht - die die Menschen in ihren Heimatdör­fern und —Städten erschossen. Viele Einheimische kollaborierten mit den Nazis und waren an der Ermordung von Juden beteiligt. Etwa 500 000 Juden dienten in der Roten Armee, was bei einer Bevölkerungszahl von nicht mehr als 2,5 Millionen 62

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