Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Von der alten zur neuen Ordnung - Vladimir Vertlib: Verfolgung. Anpassung. Emigration. Die Geschichte der Juden im Russischen Reich, der Sowjetunion und der GUS. Ein Längsschnitt

VERFOLGUNG. ANPASSUNG. EMIGRATION. Die Geschichte der Juden im Russischen Reich, der Sowjetunion und der GUS. Ein Längsschnitt. von Vladimir Vertlib Am 1. März 1881 wird Zar Alexander II. von Rußland von Terroristen ermordet. Der für die Ermordung des Zaren verantwortlichen linken revolutionären Gruppe gehört auch eine Jüdin an. Sie heißt Gesia Gelfman und stirbt kurz nach ihrer Ver­haftung. Bald heißt es, die Juden hätten den Zaren ermordet. Es kommt zu Massenpogromen, bei denen mehrere Dutzend Juden in der Ukrai­ne getötet und noch viel mehr verletzt werden. Die Pogrome gehen von den städti­schen Unterschichten aus, die in den zahlreichen jüdischen Handwerkern und Händlern der Region Konkurrenten sehen. Die Ermordung des Zaren dient als willkommener Vorwand, sich dieser lästigen Konkurrenz zu entledigen. Die Aus­schreitungen, welche bald auch auf ländliche Gebiete übergreifen, werden von den lokalen Behörden in den meisten Fällen wohlwollend zur Kenntnis genommen oder zumindest geduldet. Die Massaker von 1881 bilden den Auftakt zu einem Jahrhun­dert voller Verfolgungen und Diskriminierungen, dem schwersten in der Ge­schichte des russischen Judentums. 1881 lebten mehr als fünf Millionen Juden innerhalb der Grenzen des Russischen Reiches - mehr als in irgendeinem anderen Land. Dabei hatte es in Rußland bis Mitte des 18. Jahrhunderts fast keine Juden gegeben. Wenn sich dort größere Gruppen niederließen, wurden sie in der Regel ausgewiesen. Erst durch die Teilun­gen Polens 1772, 1793 und 1795 wurde das Land nicht nur um ein riesiges Territo­rium, sondern auch um mehrere Millionen jüdischer „Neubürger“ reicher. Zarin Katharina II. war von den „spezifischen ökonomischen Fähigkeiten“ der neuen Minderheit überzeugt und wollte diese für die Modernisierung des Reiches nutzen. Vorerst wurden die Juden deshalb der übrigen Bevölkerung gleichgestellt, was bei dieser jedoch auf wenig Gegenliebe stieß. Gegen die sogenannten „Parasiten und Ausbeuter“ - viele Juden waren Schankwirte, Pächter und Verwalter auf den Landgütern von Großgrundbesitzern - wurden bald Sondergesetze erlas­sen. Die breite Masse der Bevölkerung fürchtete die jüdische Konkurrenz, und die 57

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