Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)
Erbschaft und Erben - Helga Embacher: Jüdische Identitäten nach der Shoah
Helga Embacher Juden wurden, wie es Ruth Beckermann formulierte „Meister im Vergessen“.30 Aus Angst vor neuem Antisemitismus fand auch Simon Wiesenthal in seinem Kampf um Recht und Gerechtigkeit bei den österreichischen Juden kaum Unterstützung.31 Vertriebene Juden, die einer politischen Partei angehörten, betrachteten „ihre“ Partei als die eigentliche Heimat. Zurückgekehrt waren sie oft weniger in das reale Nachkriegsösterreich, sondern in das „rote Wien“, das jedoch ähnlich der einst blühenden österreichisch-jüdische Kultur, in seiner ursprünglichen Form nicht mehr existierte. Sozialisten und Kommunisten verwalteten nicht nur die IKG, sondern sie bildeten auch innerhalb der jüdischen Bevölkerung eine relativ große Gruppe. Sie kamen - zumeist aus England, Frankreich, Belgien und der Sowjetunion - bewußt zum Aufbau eines neuen, sozialistischen oder kommunistischen Österreich zurück.32 Viele von ihnen hatten bereits in den Zwanziger- oder Dreißigerjahren ihre jüdische Identität gegen eine kommunistische oder sozialistische eingetauscht: Der Glaube an den Kommunismus oder Sozialismus wurde ihnen zur neuen Religion.33 Während des Krieges galt die Sowjetunion als Bündnispartnerin im Kampf gegen den Nationalsozialismus und im Unterschied zur Mehrheit der nichtjüdischen Österreicher erlebten sie die „Rote Armee“ als Befreierin. Andere fanden im Exil oder im Widerstand zu sozialistischen oder kommunistischen Exilgruppen, wieder andere hatten ihr Überleben im KZ der Hilfe von Genossen zu verdanken. Während das Gefühl der Ausgestoßenheit, des Fremd-Seins und die damit verbundene Orientierungslosigkeit eine zentrale Erfahrung von Vertriebenen bildete, fanden politisch Verfolgte in den meisten Exilländem eine vertraute Organisation, ein materielles und vor allem auch psychisches Auffangnetz. Die Partei wurde zur „Ersatzheimat“, die im Exil und sogar in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern ein Gefühl von Kontinuität und vor allem eine Perspektive für die Zeit nach der Befreiung vermittelte. Damit bewahrten sich verfolgte Juden zumindest eine Teilidentität und widersetzten sich der ihnen von den Nationalsozialisten zugedachten Rolle des passiven jüdischen Opfers.34 Während zionistische Organisationen und die überwiegende Mehrheit der österreichischen Vertriebenen Remigranten als minderwertige Juden, als „Paria“ und sogar als charakterlose Menschen schimpften, riefen linke Exilorganisationen zur Rückkehr in die alte Heimat und zur Mithilfe am Wiederaufbau eines demokratischen Österreich auf.35 Wie der Soziologe Christoph Reinprecht zusammenfaßte, können durch eine politische Orientierung Kränkungen und Demütigungen erklärt, auf objektive Faktoren zurückge30 B ec kerman n : Unzugehörig, S. 107. 31 E mb ac h er : Zur Rückkehr von Vertriebenen, S. 104. 32 Embacher: Neubeginn, S. 1 !9 f. 33 Embacher, Helga: Bürgerlich, intellektuell, links - intellektuelle Frauen jüdischer Herkunft, ln: L’Homme. Zeitschrift für Feministische Wissenschaft 3 (1991), S. 57-76. 34 E m b ac h er : Neubeginn, S. 163 f. 35 Ebenda, S. 153. 94