Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Erbschaft und Erben - Helga Embacher: Jüdische Identitäten nach der Shoah

Jüdische Identitäten nach der Shoah führt und somit „entschärft“ werden. In diesem Sinne würde eine „politische Folie“ den Schmerz lindem und Erinnerungen an Verfolgung und Demütigung mildem.16 Doch trotz ihrer Einbettung in politische Parteien mußten Remigranten bei ihrer Rückkehr Enttäuschungen hinnehmen. Trotz ihrer Loyalität galten sie in den Au­gen eines Großteils der Österreicher als „Vaterlandsverräter“ und wurden beschul­digt, „auf der falschen Seite“ gestanden zu sein.17 Obwohl sie den Antisemitismus und die euphorische Begeisterung vieler Österreicher über den „Anschluß“ miter­lebt hatten, stilisierten auch politisch Verfolgte Österreich zum „Opfer des deut­schen Faschismus“ oder zum „überfallenen Opfer“.18 Dabei maßen sozialdemokra­tische und vor allem kommunistische Exilorganisationen dem österreichischen Widerstand zu große Bedeutung bei und sahen über den aggressiven österreichi­schen Antisemitismus hinweg. Die Ankunft in Österreich führte Remigranten dann schnell die Realität vor Augen, denn kaum jemand fühlte sich befreit und vor allem wurde ihnen das Gefühl vermittelt, nicht gebraucht zu werden. Doch das Anklam­mem an die „Halbwahrheit“ von Österreich als erstem Opfer Nazi-Deutschlands und das Festhalten an einer kommunistischen bzw. sozialistischen Identität diente zur Rechtfertigung für die Rückkehr in ein Land von vielen Tätern und Mittätern und erleichterte das Leben in Österreich. Dabei mußte allerdings über viele Wider­sprüche, auch in der jeweils eigenen Partei, hinweggesehen werden. Sozialdemo­kraten zeigten sich vor allem vom Verhalten der SPÖ während der „Wiedergutmachungs“-Verhandlungen enttäuscht und fühlten sich auch im Kampf gegen den Antisemitismus von der Partei allein gelassen. „Wir sind fünfzig Jahre den eigenen Illusionen aufgesessen“, erklärte der bekannte sozialdemokratische Diplomat Hans Thalberg.w Kommunisten wiederum mußten über den „Hitler- Stalin-Pakt“, über die vielen auch jüdischen Opfer des Stalinismus hinwegsehen* 38 * 40 und den Weg der KPÖ in die politische Bedeutungslosigkeit miterleben. Spätestens 1968, als die KPÖ den Einmarsch der Sowjetunion in Prag verteidigte, trat die überwiegende Mehrheit der jüdischen Mitglieder aus der Partei aus bzw. wurde ausgeschlossen.41 Als besonders schwierig gestaltete sich nach der Shoah das Verhältnis von linken Juden zu ihrer jüdischen Herkunft. Während manche nach 1945 durch einen Ein­tritt in die IKG ihre Solidarität mit den ermordeten Juden demonstrieren wollten, hatten andere, wie es beispielsweise Hilde Koplenig ausdrückte, „daran gar nicht 36 Reinprecht: Zurückgekehrt, S. 96. 17 Embacher: Neubeginn, S. 77-84. 38 Ebenda,S. 117. 37 Die Gemeinde, Dezember 1986, S. 12. 411 Über das Schicksal österreichischer Opfer in der Sowjetunion vgl. McLoughlin, Barry - Schafranek, Hans: Österreicher im Exil. Sowjetunion 1934-1945. Wien 1999. 41 Spira, Leopold: Feindbild Jud. 100 Jahre Antisemitismus in Österreich. Wien 1981; dersel- b e : Kommunismus Adieu. Eine ideologische Biographie. Wien-Zürich 1992. 95

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