Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Erbschaft und Erben - Helga Embacher: Jüdische Identitäten nach der Shoah

Jüdische Identitäten nach der Shoah Antisemitismus und Rechtsradikalismus gefordert. In der KPÖ bzw. SPÖ sahen die Repräsentanten der IKG ihre Bündnispartnerinnen für den Aufbau einer besseren, vielleicht sogar sozialistischen Welt. Damit nahm die IKG eine in sich wider­sprüchliche Funktion ein: die der Klägerin und der Beschützerin Österreichs. Leben mit Illusionen Die Shoah vernichtete die jüdische Kultur in Europa. Bei den Überlebenden be­stand jedoch das Bedürfnis, an Vertrautes anzuknüpfen und damit ihrem Leben zumindest eine gewisse Kontinuität zu verleihen. Eine Studie über ungarische Ju­den zeigt, daß selbst KZ-Erfahrungen keine Rückkehr zur Religion bzw. Abkehr vom jüdischen Glauben auslösten und Überlebende vielmehr bemüht waren, ihre Vorkriegsidentität aufrechtzuerhalten.24 Auch die meisten der nach Österreich zu­rückgekehrten und um Assimilation bemühten Juden wollten trotz des Grabens, der sich zu den Hiergebliebenen auftat, an ihre österreichische Identität anknüpfen. Dabei lebten viele - wenn auch oft unbewußt - von der nicht-jüdischen Gesell­schaft isoliert25 und reduzierten ihre Österreichliebe auf die Liebe zur Landschaft, Sprache und Kultur. Für den Regisseur Peter Loos „war Wien nicht fremd gewor­den, aber die Wiener waren es.“26 Auch der Romancier und Regisseur Emst Lothar reduzierte den Begriff Heimat auf die österreichische Landschaft. Vor allem ihr, und weniger den Menschen, fühlte er sich zugehörig.27 Peter Herz, ein Librettist, flüchtete in die Vergangenheit, in die Welt der Operette, des Wiener Liedes und schwelgte in seinen Erinnerungen an die Sommerfrische in Bad Ischl. „Es war schön, als gestem noch heute war“, meinte er wehmütig.28 29 Auch nach 1945 fügte der sie in ihrer Identitätskrise treffende österreichische Antisemitismus Juden stän­dig neue Verletzungen und Demütigungen zu, wodurch sie zur nostalgischen Flucht in die Vergangenheit gezwungen waren. Manche Remigranten flüchteten auch in die Arbeit, in den Wiederaufbau des zurückgestellten Betriebes. Arbeit wurde so zur Therapie und der Betrieb vermittelte ein Gefühl von Heimat.2'7 Nach all den Jahren der Verfolgung und des Wiederaufbaues war man müde geworden, ständig gegen hartnäckige Vorurteile anzukämpfen und versuchte zu verdrängen. 24 Goldstein, Jacob - Lu k o ff, Irvin F. Strauss, Herbert A.: Individuelles und kollektives Verhalten in Nazi-Konzentrationslagern. Frankfurt/Main-New York 1990 (Studien zur histori­schen Sozialwissenschaft 16), S. 77 ff; Embacher: Neubeginn, S. 98 f. 25 E mbac h er : Zur Rückkehr von Vertriebenen in Österreich, S. 103. 26 Interview mit Prof. Peter Loos. In: Die Gemeinde, April 1984, S. 12. 27 Lothar, Emst: Das Wunder des Überlebens. Wien-Hamburg 1961, S. 364. 28 Herz, Peter: Gestern war ein schöner Tag. Liebeserklärung eines Librettisten an die Vergangen­heit. Wien 1985, S. 208. 29 Embacher, Helga- John, Michael: Remigranten in der österreichischen Wirtschaft. Wieder­aufbau und Wirtschaftswunder in der „Provinz". In: Österreichisches jüdisches Geistes- und Kul­turleben, Bd. 4. Wien 1992, S. 5-82, hier S. 65 f. 93

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