Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Erbschaft und Erben - Helga Embacher: Jüdische Identitäten nach der Shoah

Helga Embacher Bei den ersten demokratischen Wahlen im Jahr 1946 ging bei einer Wahlbeteili­gung von 65 Prozent die von Kommunisten, Sozialdemokraten und linken Zioni­sten gebildete Liste der „Jüdischen Einigkeit“ in der IKG als klare Siegerin hervor. Mit großer Mehrheit wurde der langjährige Kommunist David Brill2" zum ersten Präsidenten gewählt. Nach einer kurzen Übergangsphase mit einem links­zionistischen Präsidenten übernahm der sozialdemokratisch ausgerichtete „Bund Werktätiger Juden“ von 1949 bis in die Achtziger Jahre die Führung der IKG. War es vor 1938 linken jüdischen Gruppierungen und linken Zionisten nicht gelungen, die Politik der IKG zu beeinflussen,* 21 so vollzog sich der Wiederaufbau der Ge­meinde nach 1945 unter linker Dominanz, Vertreter religiöser Gruppierungen oder Zionisten waren innerhalb der IKG völlig unterrepräsentiert. Der Pflege der reli­giösen Bedürfnisse, ursprünglich als primäre Aufgabe der IKG gedacht, kam in den Nachkriegsjahren nur wenig Bedeutung zu. Als auffallend erweist sich auch, daß - von wenigen Ausnahmen abgesehen - die „Aufbaugeneration“ vor 1938 nur am Rande des Judentums angesiedelt gewesen war. Aufgrund der tristen Situation der Überlebenden glaubte die neue Führung der IKG nicht an den Fortbestand eines österreichischen Judentums, ihre Aufgabe sah sie primär in der Betreuung der Überlebenden.22 * * Auch das Selbstverständnis der Präsidenten und der führenden Funktionäre der IKG deutete auf eine hohe Assimilationsbereitschaft hin. Während sie dem Fortbe­stand eines österreichischen Judentums keinen Glauben mehr schenkten, verstan­den sie sich - selbst führende Zionisten unter ihnen - als loyale Österreicher. Auf Antisemitismus reagierte die IKG mit einem heute überhöht anmutenden Öster­reichpatriotismus. Wiederholt wurde betont, daß Juden als „österreichische Patrio­ten“ und von „keinen Haß- und Rachegefühlen bewegt, sondern bereit, am Aufbau eines neuen Österreich mitzuwirken“, zurückgekehrt seien.25 Für diese Loyalität wurde vom österreichischen Staat aber die Zuerkennung der vollen bürgerlichen Gleichberechtigung, eine gerechte „Wiedergutmachung“ und Maßnahmen gegen 211 David Brill gehörte der KPÖ an und arbeitete vor dem Krieg als Redakteur bei der „Roten Fahne“, der Tageszeitung der KPÖ. 1945 war er Privatsekretär von Johann Koplenig, dem Vorsitzenden der KPÖ. Vgl. Embacher: Neubeginn, S. 37. 21 Lichtblau, Albert: Partizipation und Isolation. Juden in Österreich in den „langen“ 1920er Jahren, ln: Archiv für Sozialgeschichte 37 (1997), S. 231-253. 22 Da sich die österreichische Bundesregierung als „erstes Opfer“ Nazi-Deutschlands weder in finanzieller noch in moralischer Hinsicht für die überlebenden österreichischen Juden verantwort­lich fühlen wollte, konnte die IKG in den Nachkriegsjahren nur durch die finanzielle Unterstüt­zung des Joint existieren. Vgl. Embacher: Neubeginn, S. 74 f; Kn i gh t, Robert: „Ich bin da­für, die Sache in die Länge zu ziehen." Wortprotokolle der österreichischen Bundesregierung von 1945-1952 über die Entschädigung der Juden. Frankfurt am Main 1988. 25 Die Tätigkeit der Israelitischen Kultusgemeinde Wien in den Jahren 1952-1953, S 27; siehe auch Der Neue Weg, Nr. 1, Mitte Jänner 1947 sowie Nr. 17, Mitte September 1947; Jüdische Nach­richten Nr. 14, 12. Februar 1947. 92

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