Sonderband 4. Das Institutionserbe der Monarchie. Das Fortleben der gemeinsamen Vergangenheit in den Archiven (1998)

Felix Tobier: Das Burgenländische Landesarchiv und seine Beziehungen zu den ungarischen Archiven seit 1921

Das Burgenländische Landesarchiv und seine Beziehungen zu den ungarischen Archiven seit 1921 wurden schließlich die westlichen Teile der Komitate Wieselburg (Moson), Öden­burg (Sopron) und Vas (Eisenburg) aufgrund der Friedensverträge von St. Ger­main (1919) und Trianon (1920) von Ungarn abgetrennt und der Republik Öster­reich zugesprochen, während die tatsächliche Übergabe des Gebietes, für das sich der Name Burgenland durchgesetzt hatte, erst im November 1921 erfolgte2. Da die Komitatsvororte aller drei Komitate, welchen das nunmehr burgenländi­sche Gebiet angehört hatte, nämlich Ungarisch Altenburg (Magyarövär) für das Komitat Wieselburg, Ödenburg (Sopron) für das gleichnamige Komitat und Stein­amanger (Szombathely) für das Komitat Eisenburg infolge der Grenzziehung von 1921 bei Ungarn verblieben waren, konnte das Archivwesen des neuentstandenen österreichischen Bundeslandes auf keinem bestehenden größeren staatlichen Archiv, wie es die Komitatsarchive der drei angeführten Komitate darstellten, auf­bauen, sondern mußte in den Jahren nach 1921 von Grund auf neu organisiert wer­den, was nur allmählich erfolgen konnte. Ein eigenes Landesarchiv als mehr oder weniger selbständige Institution gab es zunächst nicht, sondern die Archivagenden wurden von einer Geschäftsabteilung der Landesregierung wahrgenommen. Da diese Abteilung neben dem Archivwesen auch die Bibliotheksagenden und zahl­reiche andere Agenden wie die Landessammlungen, den Natur- und Heimatschutz, die Schriftleitung des Landesgesetz- und Landesamtsblattes, den Amtskalender, den Übersetzungsdienst, Denkmalschutz, Kunst und Wissenschaft sowie Statistik wahrzunehmen hatte und personell nur schwach besetzt war, konnten von ihr nur die dringendsten Aufgaben und Probleme im archivischen Bereich gelöst werden. Die Situation besserte sich erst dann einigermaßen, als 1928 mit Heinrich Kunnert ein fachlich qualifizierter Historiker in den Landesdienst eintrat und dieser den Archiv- und Bibliotheksagenden verstärkt sein Augenmerk zuwendete. Die Jahre bis 1938 standen insgesamt vornehmlich im Zeichen der Erfassung der im Lande vorhandenen Archivbestände und des Archivschutzes der im Privatbesitz befindlichen Archivbestände. Dabei war vor allem der damalige Archivalienpfleger und spätere Leiter des Landesarchivs, Josef Karl Homma, u.a. bei der Ordnung des Archivs der damaligen Marktgemeinde (heute Stadtgemeinde) Pinkafeld, der Er­richtung eines jüdischen Zentralarchivs des Burgenlandes sowie der Ordnung, In­ventarisierung und Neuaufstellung mehrerer Herrschaftsarchive unermüdlich tätig3. Wenn wir uns nun fragen und damit zum eigentlichen Thema der heutigen Tagung zurückkehren, ob es in der Zwischenkriegszeit zwischen dem Burgenländi­schen Landesarchiv und den ungarischen Archiven eine Zusammenarbeit im archi­vischen Bereich gegeben hat, so muß diese Frage klar verneint werden. Bestenfalls kam es zu sporadischen Kontakten, die aber meist noch von gegenseitiger Zurück­haltung bzw. Mißtrauen geprägt waren. Für eine konstruktive und fruchtbringende Zusammenarbeit erwiesen sich auch die Beziehungen Österreichs zu seinem unga­2 Zur Geschichte des Überganges des Burgenlandes von Ungarn an Österreich vgl. den jüngst erschie- nencn Forschungsband „Burgenland 1921 - Anfänge, Übergänge, Aufbau“. Symposium im Rahmen der „ Schlaininger Gespräche“ vom 24.-29. September 1991 auf Burg Schlaining. Eisenstadt 1996. 3 Homma, Josef Karl: Das Archivwesen des Burgenlandes 1921-1944. In: Burgenländisches Landes­archiv, 1.-4. Jahresbericht (1945-1948), Eisenstadt 1949, S. 2. '80

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