Sonderband 4. Das Institutionserbe der Monarchie. Das Fortleben der gemeinsamen Vergangenheit in den Archiven (1998)

Felix Tobier: Das Burgenländische Landesarchiv und seine Beziehungen zu den ungarischen Archiven seit 1921

Felix Tobler rischen Nachbarn noch insgesamt als zu unstabil. Die Beziehungen waren vor allem wegen der ungarischen Revisionspolitik, welche die territorialen Verluste aufgrund der Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg rückgängig machen wollte - darunter auch in der Burgenlandfrage -, zeitweise ziemlich angespannt. Als nicht unwesentlich erwies sich die Tatsache, daß es auch im Burgenland in der Zwischenkriegszeit starke deutschnationale Strömungen gab und der Gedanke des Anschlusses an Deutschland bis 1933 viel stärker vertreten war als der einer Anlehnung an den ungarischen Nachbarn. Eine gewisse Verstimmung ergab sich seit der Mitte der dreißiger Jahre zwischen dem Burgenländischen Landesarchiv und dem Archivamt in Wien einerseits und dem Stadtarchiv in Sopron bzw. dessen Direktor Dr. Vitéz Häzi Jenö andererseits in der Frage der Urkunden des Niczky-Familienarchivs, auf die hier näher eingege- gangen sei. Angeblich im März 1920 hatte Graf Paul Niczky aus dem Familienarchiv im Schloß Nebersdorf (Ligvänd) etwa 300 Urkunden entnommen und an Dr. Häzi zur Erarbeitung eines Urkundenbuches der Familie Niczky in das Stadtarchiv Sopron entlehnt. Das Burgenländische Landesarchiv bzw. das Archivamt bemüh­ten sich in den Jahren nach 1937 vergeblich um eine Rückstellung der entlehnten Archivalien.4. Nach dem Tode von Graf Paul Niczky ging das Gut Nebersdorf an seinen Sohn Ladislaus über. Da dieser bzw. das Nebersdorfer Gut damals bereits stark verschuldet waren und das Gut Anfang 1943 an den Schokoladefabrikanten Heller verkauft worden war, wurde das Nebersdorfer Archiv im Zuge von „Siche­rungsmaßnahmen“ unter Wahrung des Eigentumsrechtes von Graf Ladislaus Niczky am 24. Mai 1943 nach Eisenstadt in das damalige Filialarchiv Eisenstadt des Archivs des Reichsgaues Niederdonau verbracht und wenige Tage später auf der Grundlage eines vorhandenen Inventars aufgestellt. Erst über zwanzig Jahre später, nämlich 1964, verkaufte Graf Ladislaus Niczky das Archiv an das Land Bur­genland. 1991 erhielt das Burgenländische Landesarchiv von den in Sopron ver­wahrten Urkunden im Wege des Mikrofilmaustausches mit dem Ungarischen Staatsarchiv Mikrofilmaufnahmen übermittelt, wodurch das Niczky-Familienarchiv nunmehr allen Benutzern des Burgenländischen Landesarchivs vollständig zugäng­lich ist und die gesamte Angelegenheit dadurch in gutnachbarlichem Geiste in einer für beide Seiten akzeptablen Form abgeschlossen werden konnte5. Das Jahr 1938 brachte auch für das burgenländische Archivwesen eine tiefgrei­fende Veränderung. Als am 15. Oktober 1938 das Bundesland Burgenland aufge­löst und auf die späteren Reichsgaue Niederdonau und Steiermark aufgeteilt wor­den war und die zentrale Verwaltung des Landes liquidiert wurde, war auch eine Zersplitterung der Archivbestände zu befürchten. Schließlich einigte man sich zwi­schen den beiden Nachfolgegauen dahingehend, daß die Archivbestände auch nach der Auflösung der zentralen Landesverwaltung in Eisenstadt verbleiben soll­ten. Da das Archiv nunmehr unter der offiziellen Bezeichnung „Filialarchiv Eisen­4 Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien , Akten des Archivamtes, ZI. 115 und 179 aus 1937. 5 Burgenländisches Landesarchiv, 20. Jahresbericht (1964), S. 3. 81

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