Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)

Fritz Prasch: Spuren der österreichischen Industrialisierung in Archiven und Bibliotheken

Fritz Prasch legislativen Ansatz3. Darüber hinaus ist das statistische Material dieser Jahre für die Monarchie lückenhaft, sodaß ein direkter Vergleich nicht angestellt werden kann. Der britische Aufschwung läßt sich jedoch belegen: Von 1750 bis 1820 stiegen der landwirtschaftliche Ertrag bei Getreide von 29 auf 49 Millionen Doppelzentner, der Index der Industrieproduktion auf das Vierfache und die Roheisenproduktion um das Sechsfache, während für Österreich für diese Periode keine Zahlen genannt werden4. Als Spuren dieses Wachstums sind daneben die Erfindungen britischer Proveni­enz, von den Dampfmaschinen Newcomens (1711) und Watts (1765) über das Pud- deleisen von Cort (1784), den Webstuhl Cartwrights (1785) bis zur ersten Dampflo­komotive Trevithiks (1804), um eine Auswahl zu nennen, allseits bekannt. An kon­tinentaleuropäischen Leistungen beschränkt sich eine Zeittafel auf französische - Cugnot (Dampfwagen) und Leblanc (Sodaerzeugung) - Innovationen und den Stein­druck Senefelders5. Das Fehlen österreichischer Nennungen mag mit dazu beigetra­gen haben, das Zurückbleiben der Monarchie in der wirtschaftsgeschichtlichen Lite­ratur zu verankern6. Eine gründliche Analyse hat von diesem Zugang her die ein­gangs erwähnte, für Österreich abfällige Beurteilung beendet, wobei an beiden zitier­ten Arbeiten zweierlei auffällt: a) daß die Autoren für denselben Zeitraum begrifflich verschiedene Ausdrücke („Revolution“ gegenüber „Aufstieg“) wählten und b) daß in keiner Arbeit die Bedeutung der technischen Entwicklung genauer untersucht, je­doch ihre ursächliche Rolle weder hier noch in anderen Quellen bezweifelt wird. Einig sind alle Autoren in der Feststellung einer gegenüber den anderen Staaten stetigen Entwicklung, der jeglicher „Ruck“ oder „Take-Off“ fehlte. Diese Evolution betraf nach allgemeiner Auffassung nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die technische Seite, auf der sich hingegen die praktisch verwendbaren Innovationen naturgemäß den wissenschaftlich-kreativen Resultaten anpassen mußten. 2. Von der Zunft zur Fabrik Als bedeutendstes Hindernis der Entwicklung werden für Österreich die noch an­fangs des 19. Jahrhunderts wirksamen Vorschriften des Zunftzwanges genannt, dem aber nur teilweise zugestimmt werden kann. Soweit die Installation neuer Organisa­tionsformen, wie die der arbeitsteiligen Manufaktur, durch die Zünfte gebremst wur­de, so wurde andererseits im zünftischen Handwerk die zum industriellen Ausbau unerläßliche Qualität der Erzeugnisse gepflegt. „Bis zum Vorabend des wissenschaftlichen Zeitalters war die handwerkliche Er­fahrung die Grundlage des technischen Fortschritts.“ Diese Feststellung eines engli­3 S1 o k a r, Johann: Geschichte der österreichischen Industrie und ihrer Förderung unter Kaiser Franz I. Wien 1914, S. 135. 4 Mitchell: Statistischer Anhang, S. 492, 501, 502 und 504. 5 Klemm, Friedrich: Geschichte der Technik. Reinbek bei Hamburg 1986. S. 9 f. 6 Gross, Nachum T.: Die industrielle Revolution im Habsburgerreich 1750-1914. In: Cipolla Borchardt: Europäische Wirtschaftsgeschichte, Bd. 4, S. 203-235. Good, David: Der wirtschaftliche Aufstieg des Habsburgerreichs 1750-1914. Wien-Köln-Graz 1986. 134

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