Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)

Fritz Prasch: Spuren der österreichischen Industrialisierung in Archiven und Bibliotheken

Spuren der österreichischen Industrialisierung in Archiven und Bibliotheken sehen Historikers behielt, was Erfahrung als Komponente technischer Weiterent­wicklung betrifft, ebenso ihre Gültigkeit, wie die vom selben Autor angeschnittene Frage nach der Ausbildung des leitenden und überwachenden Personals7. Dazu kann als Quelle der seit dem Vormärz begonnenen Änderung auf die Ausbildungen der vornehmlich als Bahnbauer tätigen Techniker und in weiterer Folge auf die Lehrplä­ne der neuen Schulen verwiesen werden. Dieser Wechsel von der in der Werkstätte weitergegebenen Erfahrung zur konzen­trierten Form der gesammelten Erkenntnisse als Lehrstoff der polytechnischen Schulen vollzog sich in der Monarchie ebenso stetig wie die Industrialisierung selbst. Hatten z. B. der erste Vorsteher der 1842 installierten Generaldirektion der österrei­chischen Staatsbahnen Hermengild Francesconi und sein zweiter Stellvertreter Carl Ghega ihre Grundausbildung noch an Militärakademien erhalten8, so studierte der gleichaltrige Adam Burg bereits an derselben Schule, zu deren Direktor er 1849 bestellt wurde, am Wiener Polytechnischen Institut. Diese 1815 gegründete Anstalt hatte eine ältere Vorgängerin in Prag, an deren Begründung der Projektant der Pfer­deeisenbahn Linz-Budweis, Franz Josef Gerstner, mitbeteiligt war. Das Angebot dieser Schultype war vielfältig, wie der Aufzählung der einzelnen Fächer und ihrer Lehrer im Personal-Almanach zu entnehmen ist: Neben Mathematik, Physik, prakti­scher Geometrie, Maschinenlehre und technischer Chemie wurden Land- und Was­serbaukunst sowie die kommerziellen Fächer, wie u. a. Handels- und Wechselrecht, Buchhaltung und Fremdsprachen angeboten9. Als Ergänzung und Weiterbildungsmöglichkeit setzten mit der 1807, zunächst ver­geblich, versuchten Gründung der niederösterreichischen Landwirtschaftsgesell­schaft10 die Anfänge eines „freien Vereinswesens“ ein. 1808 fanden sich unter dem Protektorat des rührigen Erzherzogs Johann und dem Vorsitz des Rudolph Grafen v. Wrbna interessierte Persönlichkeiten zu der ersten Sitzung des provisorischen Aus­schusses der Landwirtschaftsgesellschaft zusammen11. Der dabei erstellte Konstitu­tionsentwurf hob die „Kunst des Ackerbaus“, die für die „Nahrung der Bevölkerung“ und den „... Zuwachs an Manufaktur und Handel unerläßlich“ sei, hervor. Der „Mangel an wissenschaftlichen Kenntnissen ... sei ... zum Schaden für die gute Sache ...“ und verlange nach „... Verbesserung und Beförderung der Landeskultur“. Im Entwurf wird die „Constitution der Landwirtschaftlichen Gesellschaft“ zur Behebung dieser Nachteile durch „... Beobachtungen und Versuche in den verschie­denen Gegenden des Landes ... zur Verbesserung der Gewächse und Acker­geräte ...“ mittels „Auskunftserteilung, Berichte, Gutachten und Vorschläge“ be­7 Ubbelohde,A.: The Beginning of the Change from Craft Mistery to Science as a Basis for T echnolo- gy. In: Singer, Holmyard, Hall, Williams (Ed.): A History of Technology. Vol. 4, Oxford 1957. Prasch, Friedrich: Die erste Generaldirektion der österreichischen Staatsbahnen von 1842 bis 1848. Wien (Dipl.-Arbeit) 1988, S. 20-30 und 40. Hof- und Staatsschematismus des österreichischen Kaiserthums. Wien 1823, II. Theil, S. 150-152. 10 Bruckmüller, Emst: Sozialgeschichte Österreichs. Wien-München 1985, S. 337 f. Österreichisches Staatsarchiv, Allgemeines Verwaltungsarchiv [In Hinkunft: ÖStA, AVA] Wien, Land­wirtschaftsgesellschaft, Karton 1, ZI. 1/1808. 135

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