Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)

Fritz Prasch: Spuren der österreichischen Industrialisierung in Archiven und Bibliotheken

SPUREN DER ÖSTERREICHISCHEN INDUSTRIALISIE­RUNG IN ARCHIVEN UND BIBLIOTHEKEN von Fritz Prasch1 2 1. Revolution oder Evolution? Die seit etwa 1960 geänderte Meinung der wirtschaftshistorischen Forschung zur Entwicklung der Habsburgermonarchie führten zu der Frage nach den Spuren der technischen Entwicklung in unserer Heimat. Diese Vorgänge lösten besonders in der Epoche des Vormärz die Zeit der staatspolitischen Unruhe ab, wobei diese technisch­innovative Unruhe nicht weniger folgenreich, jedoch wesentlich segensreicher war. Nach außen zeigten sich ihre Symptome in der Industrialisierung und in der Indu­striellen Revolution, wobei vor allem im Rückblick des Historikers die letztere jene weitgehend verdeckt. Eine Kausalkette vom gestiegenen Bedarf über die zu seiner Deckung notwendigen Einrichtungen, weiter über die durch deren Anwendung veränderten Formen der Produktion bis zu den Auswirkungen auf die Gesellschaft, ist unschwer festzustellen. Daraus ergibt sich, daß als „Industrialisierung“ die Veränderungen der Erzeugungs­methoden und -organisation, als „Industrielle Revolution“ die nachfolgende Wirkung auf die von jener betroffenen Teile der menschlichen Gesellschaft zu bezeichnen wären. Die Geschichtswissenschaft verlegt den Beginn der Industriellen Revolution zeit­lich in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts und örtlich nach England. Von dort kann auch die Frage nach den Ursachen der Bedarfssteigerung beantwortet werden. Die Bevölkerung Großbritanniens stieg von 7,5 Millionen im Jahre 1750 um 50 % auf 10,5 Millionen im Jahre 1800 und in den nächsten zwanzig Jahren auf 14 Mil­lionen, das Doppelte von 1750\ Selbst bei ungleicher Bedarfsdeckung infolge nied­rigerer Nachfrage der einkommensschwachen Haushalte erforderte dieser Bevölke­rungsanstieg innerhalb von siebzig Jahren vermehrte Anstrengungen. Deren Erfolg wird den Bedingungen des Inselstaates zugeschrieben, wo die „Industrialfreiheit“, die Beendigung z. B. der zünftischen Zwänge schon geraume Zeit verwirklicht war. Ein Schritt dieser Art gelang in Österreich erst 1809, und das auch nur in einem 1 Für den Zugang zu den Beständen des Archivs der Technischen Universität Wien [in der Folge TUWA abgekürzt] möchte ich Herrn Dipl.-Ing. Dr. Alfred Lechner besonders danken. 2 M i t c h e 11, B. R. : Statistischer Anhang 1700-1914. In: Carlo M. Cipolla - Knut Borchardt: Europäische Wirtschaftsgeschichte. Stuttgart-New York 1985, Bd. 4, S. 488. Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs, Sonderband 3/1997 133

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