Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)

Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur

Herman Freudenberger darin, daß durch Überproduktion in England viele Bankrott machten, worauf die Garne zu Schleuderpreisen in Amerika abgesetzt wurden. Die englischen Fabrikan­ten, schreibt er, schickten „agents to various manufacturing towns with goods, which were sold at low prices and long credit [was] given ,..“79. Das hört sich an, als ob es von der Pottendorfer und den anderen Fabriken geschrieben worden wäre. Die öster­reichische Regierung war wahrscheinlich nicht gesinnt, diesem Antrag nachzukom­men, da sie zu dieser Zeit eine verhältnismäßig liberale Gesinnung in wirtschaftli­chen Sachen an den Tag legte. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die Gründung der Pottendorfer Fabrik eine Zeit charakterisierte, in der eine wirtschaftlich liberale Gesinnung dominierte. Vielleicht fühlte sich Kaiser Franz nicht von englischen Fachleuten bedroht, in dem Sinne, daß sie revolutionäre Ideen einführen würden. Es war eine Zeit, in der sich der Staat verhältnismäßig wenig in die privaten Sektoren der Nationalwirtschaft einmischte. Meines Erachtens ist dieses Phänomen ein Teil des Momentums, das durch die Maßnahmen Maria Theresias und Josephs II. ausgelöst wurde80. Es erlaubt die Behauptung, daß es - wie Nachum Gross schreibt - die Zeit eines ver­heißungsvollen Anfangs war, der durch die Metternich-Politik der folgenden Jahre stark untergraben wurde81. Die Habsburgermonarchie stand um diese Zeit auf einer ähnlichen Wirtschaftsstufe wie Deutschland. Obwohl ein solcher Vergleich das ganze Problem sehr vereinfacht, kann man ihn aber nicht ohne weiteres verwerfen. Auch muß betont werden, daß die industrielle Entwicklung in Österreich nicht auf einmal aufhörte. Die Pottendorfer Fabrik sowie andere Spinnfabriken, die um diese Zeit gegründet wurden, bestanden weiter. Aber eine wichtige wirtschaftliche Struk­tur wie die Oktroyirte Wiener Leih- und Wechselbank ging unter, ohne daß sie eine Nachfolgerin bis zur Gründung der Credit-Anstalt 1854 hatte. Die Nationalbank, die 1816 gegründet wurde, leistete sicherlich wichtige Beiträge zur österreichischen Ökonomie, aber sie war nicht wie die Schwarzenberg Bank ein aktiver Förderer der Wirtschaft. Auch gingen einige Privatbanken wie Geymüller und Fries, die sich große Verdienste auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Entwicklung erworben hatten, bankrott. Dagegen muß man aber feststellen, daß das Haus Rothschild und andere Häuser wie die Sinas wichtige Beiträge zur Industrialisierung in der Vormärzperiode leisteten. Die Aristokratie, die stark an der Entwicklung in der Zeit Maria Theresias bis in die ersten zwei Dekaden Franz I. beteiligt war, zog sich zurück, obwohl zuletzt betont werden muß, daß der Sohn Joseph Schwarzenbergs, der wahrscheinlich im­mer noch ein Hauptinhaber der Pottendorfer Fabrik war, einer der Gründer der Credit-Anstalt im Jahre 1854 war. Montgomery: Cotton Manufacture. S. 146 f. 80 Freudenberger, Herman: An Industrial Momentum Achieved in the Habsburg Monarchy. In: Journal ofEuropean Economic History 12 (1983), S. 339-350. 81 Gross, N. T.: The Habsburg Monarchy 1750-1914. In: The Fontana Economic History of Europe, hrsg. von Carlo M. Cipolla. Glasgow 1973, Bd. 4. Teil 1, S. 228-278, hier S. 248. 132

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