Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)

Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur

Die Pottendorfer Garn-Manufaktur Der Manager bzw. Werkfüihrer war Johann Thornton, ein Engländer, dessen Er­fahrung vor seiner Ankunft in Wien nur auf die Erzeugungsorganisation eingerichtet war und der am Anfang keine deutschen Sprachkenntnisse besaß. Aus den Akten ist es nicht möglich, sein Kompetenzgebiet auszuarbeiten. Auch ist nicht klar, ob die Direktoren, die meistens ihre eigenen Geschäfte oder sonstigen Beschäftigungen hatten, die täglichen Betriebsverpflichtungen übernahmen oder ob ein erfahrener Geschäftsmann Thornton außer den Direktoren zur Seite stand. Daß Thornton sehr begabt war und einen wichtigen Beitrag zum Gelingen dieser Unternehmung leistete, kann man wenigstens daraus ersehen, daß er - ein Mann, der in Hamburg für eine Zeitlang als gemeiner Arbeiter auskommen mußte - 1812 geadelt wurde75. Als er im Jahre 1843 über 70 Jahre alt und, wie ihn ein Pottendorfer Lokalhistoriker beschrieb, als verbitterter Mann aus seiner Stellung austrat76, war die Pottendorfer Fabrik mit über 43 000 Spinnmaschinenspindeln und einer jährlichen Erzeugung von über einer Million Pfund Garn die größte Anlage ihresgleichen in der ganzen Monarchie und wahrscheinlich eine der größten auf dem europäischen Festlande77. Die Pottendorfer Fabrik, die bis jetzt noch besteht, war ohne Zweifel ein schönes Beispiel einer geglückten Unternehmung, die ohne finanzielle Unterstützung des Staates angefangen hatte und weiter betrieben werden konnte. Ganz ohne staatliche Unterstützung wollte die Pottendorfer Fabrik aber nicht existieren. Im Jahre 1805 stellte sie zusammen mit der Schwadorfer Fabrik des Hauses Fries, die durch eng­lische Mechaniker, die mit Thomton und Lever nach Wien gekommen waren, er­richtet wurde und der Teesdorfer Fabrik, dessen Eigentümer das Haus Puthon war, einen Antrag an die Regierung für Schutzmaßnahmen gegen den englischen Wettbewerb. Sie gaben an, daß sie zusammen ein Kapital von zwei Millionen Gulden in ihren Betrieben stecken hatten, das durch das Eindringen der englischen Garnfabriken auf den österreichischen Markt bedroht sein würde. Da aber die eng­lischen „Emissäre oder sogenannten Musterreitter“ nicht mit ihren eigenen Maßnahmen Glück hatten, schaltete sich die englische Regierung ein. Durch „Prämien und durch andere Begünstigungen“ versetzte sie angeblich die Spinnfabriken in die Lage, den österreichischen Gamhändlern Ware mit einer Er­mäßigung von 30 % anzubieten, obwohl der Preis des Rohmaterials 40 % höher gestiegen war als zuvor78. Man kann sehr skeptisch gegenüber solchen Behauptungen sein. Daß englisches Garn die österreichischen Märkte zu überfluten drohte, kann ohne weiteres an­genommen werden. Dies dürfte aber weniger wegen Regierungsmaßnahmen der Fall gewesen sein, sondern weil ein großer Überschuß produziert wurde, den der Markt nicht leicht aufnehmen konnte. Montgomery beschrieb eine ähnliche Überflutung des Marktes in Amerika, wahrscheinlich eine Dekade früher. Er sah den Grund 75 Allgemeines Verwaltungsarchiv (AVA) Wien, Adelsakt Thomton John, Wien, 14. April 1812 (E) 76 Dr. Hertzka, Privatäußerung. 77 S1 o k a r : Geschichte der österreichischen Industrie, S. 286. 78 HKA Wien, Kommerz, Rote Nummer 179, fol. 109-115. 131

Next

/
Oldalképek
Tartalom