Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)
Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur
Herman Freudenberger meisten größeren Fabriken dieser Zeit waren der der Firma McConnel & Kennedy ähnlich, die 1797/98 samt einer Dampfmaschine auf £6 074 eingeschätzt wurde68. In einem Brief an einen hoffnungsvollen Unternehmer in Belfast (Irland) schrieben McConnel & Kennedy 1797, daß die Einrichtung einer Fabrik mit 30 Mule-Sätzen £ 2 133 kosten würde. Dazu kämen noch £ 800 für eine Dampfmaschine. Für ein Gebäude war kein Kostenaufwand vorgeschlagen, da der potentielle Kunde anscheinend schon über ein Gebäude verfügte69 70. In allem war England für Kolbielsky das große Vorbild. Der Verkaufspreis des Gams z. B. sollte dem englischen gleich sein; nur englische Maße und Gewichte sollten benützt werden; Profite sollten zurück in die Firma investiert werden; der Abfall der Baumwolle sollte, wie in England, gesammelt und verkauft werden; eine Feuerversicherung sollte abgeschlossen werden, wobei er sich nicht im klaren war, wie dies ohne die englischen Assekuranz-Gesellschaften gemacht werden konnte; die Geschäftsbücher sollten in doppelter Buchhaltung geführt werden. In einer Sache scheint er überoptimistisch gewesen zu sein: Er versprach, daß „der geringste ertrag einer wohlgeordneten Garn-Manufaktur ist 40 p. C. und dieser ertrag ist keinem ausfalle ausgesetzt, weil die Maschinen in allen Jahreszeiten, in allen Witterungen, mit mechanischer gleichformigkeit fortarbeiten“. Es ist nicht klar, ob diese Prognose dem Fürsten auch unterbreitet wurde oder nur in seinen eigenen Vorstudien enthalten war. Kolbielsky behauptete, daß er Schwarzenberg versprochen habe, daß der Ertrag der zukünftigen Pottendorfer Garn-Fabrik 100 % des investierten Kapitals ausmachen würde. Da die Engländer 8-9 Millionen Taler an Garn nach Sachsen ausführten, war ein sicherer Bedarf für die Produktion der Fabrik zu verzeichnen. Er wußte, daß dort schon einige Baumwollspinnfabriken existierten. Den Informationen zufolge, die er während seines 20stündigen Aufenthaltes in Chemnitz erhalten hatte, war er überzeugt davon, daß die dortigen Spinnfabriken keine seriösen Konkurrenten sein würden™. Obwohl der Fürst von Reuss der alleinige Inhaber wäre, verlangte Kolbielsky ein Drittel des Profits für sich selber, mit dem Recht, in die Bücher der Firma Einsicht zu nehmen, wann er wollte. Er wollte auch bei größeren Entscheidungen zu Rate gezogen werden und versprach mindestens einmal im Jahr für 1-2 Wochen von Wien zu kommen, um sich den Stand der Fabrik anzusehen. Auch wollte er beim Ankauf der Rohmaterialien konsultiert werden. Es ist klar, daß er einen wichtigen Teil der Funktion eines Entrepreneurs ausüben wollte. Man muß sich vergegenwärtigen, daß Kolbielsky um diese Zeit vorhatte, bei der Schwarzenbergischen Fabrik mitzuwirken, eine Maschinenfabrik errichten und allerlei andere Geschäfte vollziehen wollte. Wie er alle diese Aufgaben mit Erfolg ausüben könnte, hat er nicht verraten. Kolbielsky schreibt - vermutlich waren es Notizen für ihn selbst in Vorbereitung für den Kontraktentwurf- „dieser Anschlag ist derjenige wonach der Fürst Schwarzenberg eine Manufaktur die in 2 Jahren vollendet sein soll, bauet“. Fürst von Reuss lehnte den 6 Lee: Cotton Enterprise, S. 102. 69 Ebenda, S.20f. 70 HHStA Wien, Kabinettsarchiv, NL Kolbielsky, Karton 8, 29. November 1800. 128