Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)
Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur
Die Pottendorfer Gam-Manufaktur Vorschlag Kolbielskys für die Zeit ab, weil er nicht über die benötigten Geldsummen disponieren konnte und weil er die Unternehmung nur als Privatmann machen könnte, wie mit „drey sehr ansehnlichen Eisenhammer Fabriquen“ und anderen kleinen merkan- tilischen Geschäften. In einem Brief an den Fürsten machte Kolbielsky noch eine interessante Bemerkung, die das Problem, Geschäfte mit Aristokraten zu machen, beleuchtet. „Die Fürsten Schwarzenberg u. Colloredo mit denen ich über die oktroyirte Bank contra- hirt habe, sind bisher die einzigen Fürsten mit denen ich ohne Besorgnis contrahirt habe. Nur persönl. Vertrauen in Ew. Durchl. Gerechtigkeit könnte mich bewegen einen Vertrag mit Ihnen zu schliessen in welchem alle Gefahr u. dazu eine von grosser Erheblichkeit auf mich fällt“71. In dem Memorandum, das er anscheinend für sich selbst verfaßte, schrieb er: „Auch ist zuweilen sicherer mit einem Handlungs-Hause als mit einem Reichsfürsten zu contrahiren.“ Internes Aktenmaterial des frühen 19. Jahrhunderts in einer Fülle, von der man abstrahieren könnte wie eine Fabrik intern organisiert war, gibt es bis jetzt wenig. Wieviel Glauben man Kolbielskys Entwurf schenken kann, daß er auf dem Vorhandenen in England beruhte und daß er die Pottendorfer Organisation widerspiegelte, ist schwer zu sagen. Es könnte aber leicht eine der besten Beschreibungen einer „modernen“ Fabrik der frühen industriellen Revolution sein. Nach der Typologie, die ich hier vorgetragen habe, bleibt die Frage, ob man diese vorgeschlagene Fabrik für den Fürsten Reuss sowie die wirkliche Pottendorfer eine Prototypfabrik oder „reife“ Fabrik nennen sollte? Einige Kriterien für die letztere Anschauung scheinen hier bestätigt zu sein. Die Kapitalanlage pro Kopf der Arbeiterschaft war relativ hoch (absolut kann dafür keine Summe angegeben werden, da sie für jede Industrie verschieden ist) und die Arbeitnehmer sollten intensiv beaufsichtigt werden. Aber für eine so große Fabrik scheinen die Aufgaben des Ober-Verwalters zu groß gewesen zu sein. Man sollte annehmen, daß solche Funktionen wie Ankauf und Verkauf unter getrennte Führung kommen würden. Tatsächlich bestand Kolbielsky darauf, daß die Funktionen der drei Verwalter, die unter dem Ober-Verwalter standen, separat ausgeübt werden sollten. Auch in anderer Hinsicht klingt Kolbielskys Geschäftsanschauung sehr „modern“. Er erwartete einen Multiplikatoreffekt von der Gründung der Fabrik. Er empfahl, vorsichtig mit der Standortwahl, für die er allerlei Kriterien aufstellte, vorzugehen. Feuerversicherungen, die so weitverbreitet in England für industriellen Anstalten schon früh im 18. Jahrhundert abgeschlossen wurden und die meines Erachtens einen wichtigen Beitrag zur britischen industriellen Revolution leisteten, sah er als notwendig an. Er hatte schon in London mit einem John Taylor darüber gesprochen, der ihm aber versicherte, daß man zu jener Zeit (1800) nicht daran denken konnte, eine „öffentliche“ Kompagnie in London für die Gründung einer österreichischen Versicherungsgesellschaft zusammenzubringen, obwohl er (Taylor) einer Meinung mit Kolbielsky wäre, daß eine unabhängige Kompagnie in Wien sicherlich sehr profitabel wäre72. 71 HHStA Wien, Kabinettsarchiv, NL Kolbielsky, Karton 8, 8. Dezember 1800. 72 Ebenda,NLKolbielsky, 1. Juli 1800. 129