Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)
Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur
Herman Freiidenberger Arbeiterschaft und ihre Familienmitglieder würden auch 1,400 000 Kannen Bier und 15 000 Maaß Brandwein trinken. Für den regierenden Fürsten Reuss sollte das wahrscheinlich zusätzliche Einkünfte bedeuten, die durch Verbrauchsteuem eingebracht werden könnten. Die Arbeitemehmer der Fabrik sollten von folgendem Stab betreut werden: 4 Verwalter (die unten noch näher besprochen werden), 1 Maschinenmeister, 1 Mühlenmeister, 60 Aufseher der Arbeiter, 6 Meisterinnen der Zupferinnen, 3 Meisterinnen der Haspelerin- nen, 32 Aufwärter, 10 Mühlenknechte, 4 Knechte für Pferde und zum Heizen, 4 Nachtwächter, 1 Schomsteinkehrer, 8 Pferde, 4 Wachhunde, 60 Waschmägde, die alle zusammen eine Ausgabe von 35.836 Taler notwendig machen würden. Die Funktionen aller dieser Menschen sind nur zum Teil im Vertrag oder dem vorbereiteten Memorandum beschrieben. Die Leitung des ganzen Unternehmens sollte in den Händen eines Ober- Manufaktur-Administrators sein, auf wessen „Vernunft ... Eifer ... und Thätigkeit... der Ertrag der Manufaktur“ beruhe. „In der Administration der Manufaktur werden der Baumwollen Einkauf, die Garn-Fabrikation und die Manufaktur-Casse ganz von einander separiert. Der Baumwollen Einkauf wird durch den Ober-Manufaktur-Administrator besorgt“, der sich aber von Kolbielsky beraten lassen sollte. Er sollte deswegen „eine Tantieme von zwey p. Centen“ als weitere Belohnung zusätzlich zu seinem Gehalt bekommen, der 8 Taler fiir jeden Maschinen-Satz oder für die vollständige Fabrik 1.200 Taler ausmachte. Er müsse sich um alles in der Manufaktur kümmern und soll natürlich die Aufsicht über die anderen Verwaltungsbeamtcn ausüben. Einer seiner Untergebenen war der Baumwoll-Magazin-Verwalter, der 800 Taler im Jahr als Lohn bekam, sobald die Fabrik voll ausgerüstet war. Ein zweiter Beamte, der Garn-Magazin-Verwalter sollte auch 800 Taler oder 5 Taler pro Maschinen-Satz erhalten. Der dritte Beamte, der direkt unter dem Ober-Verwalter stand, war der Manufaktur- Verwalter, welcher der am meisten Beschäftigte der drei Verwaltungsbeamten gewesen zu sein schien. Er mußte die „Faktorei“ morgens öffnen und die Arbeiter zur bestimmten Stunde „zusammen leuten; er merkt die fehlenden oder zu spät kommenden oder zu früh weggehenden an, um die in der Manufaktur-Polizey-Ordnung für diese Fälle zu bestimmenden Geldstrafen vom Lohn abziehcn zu können; er wacht darauf, daß keine Baumwolle gestohlen werde“. Dann fing seine Aufgabe erst richtig an. Er hatte die Teilgüter den verschiedenen Meistern, nachdem er sie gew ogen hatte, auszugeben und sie, nachdem die Arbeit richtig vollbracht war, zurück in Empfang zu nehmen, nachdem er sie wieder gewogen hatte. Danach hatte er sie entweder aufs Lager zu bringen oder sie weiterzuvergeben. (Das war teilweise auch die Aufgabe des Lohnauszahlungsbeamten des Arsenals in Venedig im 16. Jahrhundert und ist also nichts Neues). „Er macht [auch] die Contracte mit allen Manufaktur Arbeitern von [welchen] ... zur Caution wöchentlich 4-8 Groschen einbehalten werden ... die bey Ablauf [des] wenigstens auf 3 Jahre geschlossenen Contract ... [sie] mit einem male zurückbekommen Diese Bedingung erinnert sofort an das sogenannte „quarterly gift money“, das in der Fabrik Stmtts in Belpers (England) von den Löhnen der Arbeiter abgezogen wurde. Es sollte Disziplin unter die Arbeiter bringen, da geldliche Bestrafungen für unbefugtes Benehmen bei der Arbeit aus 126