Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)

Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur

Herman Freiidenberger richtet, vielleicht aufgrund dieser Skizzen48. Der Brünner Versuch hatte mit Schafwolle zu tun, mit welcher auch in England große Schwierigkeiten verbunden waren. Mit Baumwolle war die Sache leichter und deswegen überrascht es nicht sehr, daß die Untersuchungskommission noch andere englische Spinnmaschinen in Betrieb vorfand, und zwar in Fabriken auf den Gütern des Grafen Rottenhan und des Fürsten Auersperg49. Kurz und gut, Kolbielsky konnte sein Monopol aufgrund dieser Tatsachen nicht behalten. Leider war es ihm auch unmöglich, sich als Maschinenerzeuger im offenen Wettbewerb zu behaupten. Seine verschiedenen Versuche, sich durch großartige Projekte zu einem wichtigen ök­onomischen Spieler emporzuschwingen, haben alle fehlgeschlagen. Das hielt ihn aber ganz und gar nicht davon ab, weitere große Pläne auszuarbeiten. Er machte sich z. B. sehr unbeliebt wegen seiner verbreiteten, obwohl nicht gedruckten, negativen Meinung über das bevorstehende Finanzpatent, das 1811 veröffentlicht wurde50. Trotz der Befunde über Kolbielskys erfolglose Tätigkeiten kann man ihm einen genialen Zug nicht absprechen. Befassen wir uns nun mit seinem Vorschlag, eine große Gamfabrik in dem Fürstentum Reuss in der Nähe von Sachsen zu gründen. Und zwar vor allem deswegen, weil sie nach einer Anmerkung Kolbielskys nach dem Muster der Schwarzenbergischen Fabrik, d. h. der zukünftigen Pottendorfer Garn-Manufaktur, eingerichtet werden sollte. Die Vermu­tung darf auch erlaubt sein, daß die englischen Gamfabriken, vor allem die in der Gegend von Manchester als Muster dienten. Kolbielsky hatte selbst Gamfabriken besucht, wenn­gleich er nicht angibt, welche er sich angeschaut hat und in welcher Gegend sie waren. Der Vorschlag, der nun im Detail beschrieben wird, mag auch durch Kolbielskys Bespre­chungen mit Thomton beeinflußt gewesen sein, der, wie er im Brief an McConnel & Kennedy schrieb, in der Chorlton Twist Co., die in der Manchester Gegend bestand, gear­beitet hatte. Robert Owen, der berühmte Unternehmer und Sozialreformator, war in den 1790er Jahren, als Thomton dort angestellt war, ein Teilhaber und Leiter der Fabrik. Die Chorlton Twist Co. war dann auch für 10 Jahre Inhaberin der Fabrik in New Lanark in Schottland, in der Owen seinen großen Ruhm erlangte51. Es ist also leicht zu vermuten, daß Owen einen großen Einfluß auf Thomton ausgeübt hatte, soweit es die Organisation und Einrichtung einer Gamfabrik betraf. Leider ist nicht bekannt, ob Kolbielsky von Owen oder seinem Schwiegervater David Dale wußte, als er seine Informationsreise nach England machte. Die großen Reformen, für die Owen berühmt wurde, waren zu der Zeit, in der Thomton in der Chorlton Twist Co. angestellt war und Kolbielsky sich in England aufhielt, noch nicht weit verbreitet. Um das Jahr 1800 waren wenige der britischen Textilfabriken so groß angelegt, wie die Pottendorfer geplant war. Die größte Textilfabrik dieser Zeit war die John Florrocks in Stätni Archiv v Bmë, M 2062, 15. März 1802. 49 HKA Wien, Kommerz, Rote Nummer 176, fol. 527—569, 15. März 1802. 50 Pribram, Alfred Francis - Fischer, Erich: Ein politischer Abenteurer. Wien-Leipzig 1937, S. 148 f. 51 Butt, John: Robert Owen as Businessman. In: Robert Owen: Aspects of his Life and Works, hrsg. von John Butt. New York 1971, S. 170. Donnachie, Ian- Hewitt, George: Historic New Lanark. Edinburgh 1993, S. 61-62. 122

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