Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)

Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur

Die Pottendorfer Gam-Manufaktur Preston (England), die im Jahre 1799 94 200 Spindeln und 1802 bereits 107 160 in Be­trieb hatte52. Sicher ist, daß keine englische Baumwollgamfabrik mit einer so großzügigen Anlage angefangen hatte wie die Pottendorfer. Wie der Berichterstatter, der über die Pot­tendorfer Fabrik in den Vaterländischen Blättern (1808) schrieb, ausführte, waren die Spinnmaschinen in Gebäuden untergebracht, die das „Ansehn fürstlicher Paläste“ hatten, wie sie in England niemals zu sehen waren. Die meisten, die sich später in Großbritan­nien zu imposanten Fabriken entwickelten, begannen als kleine Werkstätten und konnten sich ohne die Hilfe des Staates oder reicher Aristokraten behaupten. Ein gutes Beispiel dafür ist die Firma McConnel & Kennedy, mit der Thomton von Wien aus korre­spondierte. Als die beiden Schotten James McConnel und John Kennedy 1791 ihre Werkstatt mit zwei Barchentkaufleuten eröflheten, hatten sie im ganzen £600-700 Kapital investiert, der größte Teil davon in einigen Maschinen, die sie für einen Kunden gemacht hatten, der sie aber nicht abnehmen wollte53. 1797 waren ihre Aktiva schon auf £ 7 000 angewachsen. Sechs Jahre danach verfügten sie über ein Eigentum, wie aus dem Jahresinventar zu ermitteln ist, von £ 40 000, das waren ca. 400 000 fl., wobei der Betrieb über 27 240 Mulespindeln verfügte54. Im Vergleich dazu waren in der Pottendorfer Fabrik 1805 nur 66 Mulespinnmaschinen mit 11 880 Spindeln in Betrieb, obwohl noch weitere 62 Mules bereitstanden, um in Kürze in Betrieb gebracht zu werden55. Die Spinnmaschinen in Pottendorf hatten aber nur 180 Spindeln pro Maschine, wogegen 74 der Maschinen in der Fabrik McConnel & Kennedy mit je 300 Spindeln arbeiteten und nur 14 Maschinen 180 Spindeln besaßen. Um diese Zeit hatte McConnel & Kennedy 312 Arbeiter, also 87 Spindeln pro Arbeiter, wogegen die Pottendorfer Fabrik 1811, also nachdem alle sogenannten Kinderkrankheiten bewältigt gewesen sein sollten, einen Ar­beiter für nur 21 Spindeln hatte56. Es besteht also kein Zweifel, daß die Fabrik in Man­chester viel effizienter arbeitete als die in Pottendorf. In der Habsburgermonarchie waren die Gründungen der Leitenberger Fabriken in Böhmen den englischen am ähnlichsten. Es muß aber betont werden, daß ein Vergleich zwischen den Fabriken Leitenbergers und jenen in England, die hier in Betracht kommen sowie der Pottendorfer Fabrik nicht ganz fair ist, da die letzteren nur Garn erzeugten, wogegen Leitenberger Tücher verfertigte, das Garn also bei ihm für interne Zwecke pro­duziert wurde. Die Implikation dieses Tatbestandes ist, daß Leitenberger den Wettbewerb nur für die fertigen Tücher bestehen mußte und die Kosten der Gamerzeugung keinen direkten Effekt auf den Verkauf hatten, wie das der Fall bei der direkten Marktgebunden­heit der Pottendorfer und Manchester Gamfabriken war. Farnie, Douglas A. -Yonekawa, Shim’ichi: The Emergence of the Large Firm in the Cotton Spinning Industries in the World. In: Textile History 19 (1988), S. 171-210, hier S. 172. 53 McConnel & Co., Ltd. : A Century of Fine Cotton Spinning. Manchester 1913, S. 9. Freudenberger, Herman: A Look into a Nineteenth-Century Manchester Factory. In: Proceedings of the Business History Conference. Second series, vol. 1, 1973, S. 54-68, hier S. 56; John Rylands Library (Manchester), McConnel & Kennedy Papers, Inventories. 55 Vaterländische Blätter, 1808: Ober die Spinnmaschinen in Österreich, S. 368-371. 56 Lee, H. C.: A Cotton Enterprise 1795-1840. A History of M’Connel & Kennedy, Fine Cotton Spinners. Manchester 1972, S. 114;Slokar: Geschichte der österreichischen Industrie, S. 280. 123

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