Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)
Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur
Die Pottendorfer Garn-Manufaktur Spinnmaschinen zu erzeugen und zu benützen, beworben hatte. Der Freiherr Way von Waya (auch Vay von Vaya geschrieben) und der Fürst von Auersperg waren auch daran interessiert40. Noch andere Männer gab es zu dieser Zeit die, wie Keeß später schrieb, „mit Eifer die Errichtung von Maschinen“ vorwärts treiben wollten41. Es darf hier bemerkt werden, daß sich Waya auch für die Benützung von Dampfinaschinen interessierte und daß er deswegen mit dem berühmten englischen Förderer der Industrie und Landwirtschaft Sir Joseph Banks in Verbindung stand. Er wollte ihm vom angeblichen Monopolprivileg in der Habsburgermonarchie des Herrn von Kempelen berichten, der wegen seinem Automaten, der Schach spielen konnte, bekannt war42. Ein anderer dieser Spinnmaschinenbewerber war der Chevalier Andriani, der 1797 ein Privileg für 15 Jahre erhielt43. Dieser Herr war anscheinend ein sehr beschäftigter Mann, da er in den 1790er Jahren auch als Industrieberater in Sachsen auftrat sowie als Fachmann für Ledererzeugung in Wien tätig war44. In Böhmen war es vor allem der Textilfabrikant Johann Josef Leitenberger, ein self-made Mann nach dem Muster der englischen Industriellen seiner Zeit, der sich Spinnmaschinen anschaffte. Ohne sich mit den Behörden in Verbindung zu setzen, ließ er im geheimen Modelle englischer Maschinen machen. Er schickte 1796 einen seiner Angestellten nach Kopenhagen, um einen Maschinenhersteller zu engagieren. Dieser Innovationstransfer glückte, sodaß im Jahre 1799 die Leitenberger Familie 3 Fabriken mit Spinnmaschinen in Böhmen in Betrieb hatte45. Im selben Jahr, in dem Leitenberger das Geheimnis der Herstellung englischer Spinnmaschinen erhielt, wurde in Brünn, wie oben angeführt, ein „Verein zur Anlage einer Wollenen-Maschinen-Spinnerei nach Englischer Art“ gegründet. Zwei seiner Mitglieder der junge Altgraf Hugo Salm-Reifferscheidt und der mährische Landschaftsapotheker Vincenz Petke schmuggelten Zeichnungen der Maschinen aus England heraus46. Etwas Risiko war sicherlich mit einem solchen Versuch verbunden. James Montgomery, ein Experte, der von Schottland nach Amerika emigrierte, konstatierte in den 1830er Jahren, daß wenigstens in den 1780er Jahren die Kontrolle an den Einschif- fimgsstationen sehr streng gewesen war47. Wie er noch weiter betonte, konnte man aber Spinnmaschinen nicht anhand von Zeichnungen und Modellen allein herstellen. Brünn und die Habsburgermonarchie im ganzen mußten mit denselben Problemen rechnen, wie die vormaligen englischen Kolonien in Amerika. Erst nachdem ein englischer Fachmann, Georg Woodward, run 1805 nach Brünn kam, wurde eine effektive Spinnmaschine er40 HKA Wien, Kommerz, Rote Nummer 305, fol. 638-645. 41 Keeß: Darstellung des Fabriks- und Gewerbewesens, Bd. 2/1, S. 83. 42 Birmingham Central Library, Boulton & Watt Collection, Box 30, 1790. 43 Keeß: Darstellung des Fabriks- und Gewerbewesens, Bd. 2/1, S. 83. 44 Forberger, Rudolf: Industrielle Revolution in Sachsen 1800-1861. Berlin 1982, Bd. 1, erster Halbband, S. 154 f.; HKA Wien, Kommerz, Rote Nummer 247, fol. 599 f. 45 Hall wich, Hermann: Firma Franz Leitenberger 1793-1893. Prag 1893, S. 89. 46 Freudenberger, Herman: The Industrialization of a Central European City. Edington 1977, S. 174. 47 Mont gomery, James: The Cotton Manufacture oftheUnited States. New York 1970, S. 143 f. 121