Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)

Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur

Herman Freudenberger Cuxhaven, wo ihm der österreichische Freiherr Wechsel für beinahe 13 OOO fl. für Maschinen, die nach Cuxhaven geliefert werden sollten, übergab. Diese Maschinen kamen niemals an, da sich herausstellte, daß sie in Hamburg um 20 % billiger zu erstehen waren. Kolbielsky traf in Cuxhaven auch einen „Schleich­händler“, der sich erbot, ihm Mechaniker gegen hohe Vergütung zu verschaffen. Nach­dem einige derselben, die Kolbielsky vorgestellt wurden, von ihm wegen unzulänglicher Kenntnisse oder einem Hang zum Saufen abgelehnt wurden, schickte ihm der Vermittler den John Lever24. Bevor es noch mit Lever zur Ausfertigung eines Kontraktes kam, machte der kaiserliche Konsul in Hamburg ihn mit einem Kaufmann namens Behrend, der ein „rechtschaffener“ Mann war, trotzdem dieser vor kurzem Bankrott gemacht hatte, bekannt. Kolbielsky berichtet, daß er sich mehrmals mit ,,de[m] kais. Gesandten und de[m] kais. Consul über den Gegenstand des Maschinen Spinnen unterhalten“ habe. Beide erzählten ihm „daß Hofrath Gr. v. Pergen, der am Anfang des Jahres 1800 in Geschäften zu Ham­burg gewesen war, geäußert habe, daß der Finanzminister gewünscht hätte, daß H. Gr. v. Pergen auf solcher Reise engl. Künstler zur Maschinen Verfertigung engagieren könne, daß aber keiner zu finden gewesen“ wäre25. Es ist also klar, daß die österreichische Regierung von Anfang an ein reger Teilnehmer an diesem Projekte war. Wie oben ange­führt kam Kolbielsky mit dem „gefallenen“ Kaufmann Behrend zusammen, welcher ihn zuerst mit den Deputierten einer Kolonie von 800 schottischen Familien, die Weber und ähnliche Arbeiter waren, bekannt machte. Kolbielsky gibt nicht an, warum er sich für diese Leute interessierte, da sie anscheinend nichts mit Maschinenspinnen zu tun hatten. Er brach Verhandlungen mit ihnen ab, nachdem sie „exorbitante Forderungen“ machten und dazu noch mit einem französischen Agenten in Verbindung standen. Dieses kleine Zwischenspiel zeigt, auf welch breiter Basis Kolbielsky seine Aufgabe, fremde Spezialis­ten in die Habsburgermonarchie einzuführen, verstand. Der nächste Abschnitt Kolbielskys Suche nach Fachleuten war darauf gerichtet, mit einem englischen „Mechanikus ... der im geheimen zu Hamburg englische Spinn­maschinen verfertigte“ zusammenzukommen. Durch Bezahlung an Behrend brachte dieser ihn „in arbeitsfreien Stunden ganz in geheim ... die Werkstatt, diesen Mechanikus und seine Maschinen zu sehen, die er [Kolbielsky] den englischen gleich zu seyn anerk­ennen mußte.“ Kolbielsky wollte sogleich mit Thomton einen Vertrag abschließen, der aber dadurch nicht zustandekam, weil Behrend eine zu hohe Belohnung für sich selbst forderte und nachdem er sie nicht bekam, Thomton überredete, daß er nicht unterschrei­ben sollte. Der englische Fachmann, der nicht Deutsch konnte, ließ sich von Behrend überzeugen, daß er in Wien niemals zu seinem Recht kommen würde, da er als ein in Diensten eines mächtigen Fürsten Schwarzenberg stehender Mann, ohnmächtig gegenüber dem Aristokraten sein würde. Es darf hier auch angeführt werden, daß Kolbiel­sky später in seinen Verhandlungen mit dem Fürsten Reuss selbst seine eigenen Bedenken gegenüber Hochadeligen voibrachte und ihm versicherte, daß er nur mit solchen dieser 24 HHStA Wien, Kabinettsarchiv, NL Kolbielsky, Karton 22, 2. Jänner 1802. 25 Ebenda, NL Kolbielsky, 12. Juni 1801. 116

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