Sonderband 3. „wir aber aus unsern vorhero sehr erschöpfften camergeföllen nicht hernemben khönnen…” – Beiträge zur österreichischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (1997)
Herman Freudenberger: Die Pottendorfer Garn-Manufaktur
Die Pottendorfer Garn-Manufaktur Klasse wie Schwarzenberg, Colloredo-Mannsfeld und natürlich mit ihm Geschäfte machen wollte. Um mit Thornton weiter verhandeln zu können, mußte Kolbielsky erst dessen geheimgehaltenen Aufenthalt ausfindig machen. Es stellte sich heraus, daß Thomton unter Vertrag für einen Unternehmer namens Hansen Spinnmaschinen errichtete, der ihn nur für eine Provision von 36 000 fl. loslassen wollte unter der Bedingung, daß der Engländer vorher die versprochenen Maschinen fertiggemacht hatte. Die Nachfrage nach Thorntons Diensten als Mulemaschinenhersteller mußte groß gewesen sein. Er war sich selbst seines Wertes bewußt, da er nicht „anders contrahiren [wollte] als wenn 50 Maschinen Säzze für Muletwist jeder zum Preise von 920 £ Sterling oder 8 280 fl.“ errichtet werden konnten“. Man fragt sich, warum Thomton unter solchen Umständen als gemeiner Arbeiter in Hamburg tätig sein mußte. Kolbielsky schloß dann einen Kontrakt mit Thomton am 10. September 1800, und Hansen verminderte sein für ihn vorgesehenes Honorar auf 20 000 fl., sodaß Kolbielsky die anderen 16 000 fl. für sich selbst einstecken konnte. Zur selben Zeit konnte Kolbielsky auch einen Kontrakt mit Lever abschließen26 27. Diese ausführliche Schilderung hat den Zweck, die verwickelte und geheimnisvolle Welt der Industriespionage und -rekrutierung zu beschreiben. Den Kontrakt mit Thomton schickte Kolbielsky an die Oktroyirte Leihbank, obwohl er ohne dessen Vorwissen zustande gekommen war und persönlich von Kolbielsky unterschrieben wurde. Nach seiner Rückkunft nach Wien übernahm dann die Bank den Kontrakt mit Thomton und den mit Hansen. Die 16 000 fl. für Kolbielsky mußten aber wegfallen28. Anscheinend hatte Kolbielsky auch den Kontrakt mit Lever der Bank angeboten. Fürst Schwarzenberg fand ihn aber unannehmbar, da er nicht „wie der nüt Thomton eine kaufmännische Garantie hatte“. Dieser Entscheidung zufolge wandte sich Kolbielsky an den Finanzminister Grafen Saurau um die Erwerbung eines ausschließlichen Privilegs für die Herstellung von Maschinen. Man war in der Hofkammer, wie schon oben angeführt, davon überzeugt, daß Baumwollgarn in der Monarchie durch englische Spinnmaschinen erzeugt werden sollte, da 25 000 Zentner in allen Provinzen zusammen jedes Jahr eingeführt wurden. Um dieses Quantum Garn im Inland erzeugen zu können, würde es 417 Maschinensätze bedürfen, deren Anschaflüng 4 Millionen Gulden kosten würde29. Es ist interessant, daß die Frage, ob der Staat selbst eine solche Fabrik errichten und betreiben sollte, sofort verworfen wurde. Daß die Frage erörtert wurde, scheint etwas eigenartig, da schon in der kameralis- tischen Regierung Maria Theresias eine strenge Stellung gegen eine derartige Einmischung des Staates in den privaten Sektor der Nationalwirtschaft eingenommen wurde. In dieser ökonomisch liberaleren Zeit war staatliche Betreibung einer Fabrik keine annehmbare Alternative. Es ist bezeichnend, daß in einem anderen Versuch, englische 26 HHStA Wien, Kabinettsarchiv, NL Kolbielsky, Karton 22, 2. Jänner 1802. Levers kompletter Vertrag, siehe Freudenberger, Herman: A Textile Factory for Vienna. Textile History 5 (1974), S. 159-163. 28 HHStA Wien, Kabinettsarchiv, NL Kolbielsky, Karton 22, 2. Jänner 1802. 29 HKA Wien, Kommerz, Rote Nummer 176, fol. 527-569. 117