Jürgen Pohl: Sonderband 1. „Die Profiantirung der Keyserlichen Armaden ahnbelangendt” – Studien zur Versorgung der kaiserlichen Armee 1634/35 (1989)
B2 Die Ernährung in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges - Ackerbau
Studien zur Versorgung der Kaiserlichen Armee 1654/55 Es gab etliche verschiedene Modelle von Pflügen, teilweise Geräte, die den Boden wendeten, oder andere, die ihn drehten, sowie alle möglichen Zwischenformen. Umstritten war die erforderliche Pflugtiefe und die Höhe der dann angelegten Beete. Geeggt wurde teilweise vor, teilweise nach dem Säen. Die Egge sollte den Boden auflockern, das Unkraut herausziehen und die frische Saat mit Erde bedecken. Das Säen selbst wurde als eine recht schwierige und kunstreiche Aufgabe angesehen, die viel Geschick erforderte. Geerntet wurde mit Sichel oder Sense, ohne daß es dabei eine Regel gab, welche Frucht mit welchem Gerät zu ernten sei. Als Gespanne wurden vor dem Dreißigjährigen Krieg vor allem Pferde verwendet, und es wurde oft in den Quellen beklagt, daß nach dem großen Krieg der Pferdemangel so groß gewesen sei, daß man stattdessen Rinder habe verwenden müssen. Die Erträge fielen von Jahr zu Jahr und von Boden zu Boden so unterschiedlich aus, daß es nur sehr schwer möglich ist, einen verläßlichen Mittelwert zu bekommen. Insgesamt läßt sich trotzdem ein Mittelwert von ca. 8,5 dt je ha errechnen9. Allerdings muß hinzugefügt werden, daß diese Zahl für die Erträge sich auf Böden besserer Qualität bezieht. Schätzungen für die Erträge hegen bei 7 dt/ha für Roggen, 8-9 dt/ha für Weizen, 6-6,5 dt/ha für Gerste und 4 dt/ha für Hafer, der ohnehin das letzte Glied in der Fruchtfolge war. Die Saatmengen lagen bei 1,8 dt je ha, so daß sich insgesamt ein Verhältnis von Aussaat zu Ernte von knapp 1 : 4 ergibt. Da man ein Korn für die Aussaat des nächsten Jahres benötigte, verblieben also 5 Körner zum weiteren Gebrauch; davon nehmen Staat und Kirche noch jeweils den Zehnten, also insgesamt 0,8 Körner, blieben - selbst unter guten Umständen - für den Verzehr von 4 im Durchschnitt 2,2 Körner übrig. Es mußte also knapp die halbe Verbrauchsmenge ausgesät werden. Daraus läßt sich schließen, daß die Anbauflächen recht umfangreich gewesen sein müssen, um die Bevölkerung überhaupt ernähren zu können. Problematisch wurde es, falls es einmal zu einer Ernte mit einem Verhältnis von 1 : 3 kam. Dann blieb nicht mehr genug übrig für die Aussaat des nächsten Jahres, und die Hungersnot - wenn nicht im gleichen, so doch im nächsten Jahr - war vorprogrammiert. Mißernten dieser Art waren nach Auskunft Ingomar Bogs „bis weit in das industrielle Zeitalter hinein mit statistischer Präzision alle 4 bis 6 Jahre zu über- stehen“10. 9) Abel, Wilhelm, Geschichte der deutschen Landwirtschaft vom frühen Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert. In: Deutsche Agrargeschichte. Hg. v. G. Franz, Bd. 2. Stuttgart 21967, Tabelle S. 225. 10) Bog, Ingomar, Türkenkrieg und Agrarwirtschaft, in: Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Türkenkriege, Graz 1971, S. 15. 49