Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)

5 Analyse

dar, von den äußeren Umständen auf den Menschen - in diesem Fall den Typ des Ungarn - zu schließen. Letztlich wird jedoch nicht deutlich, was beziehungsweise wer unter einem „Ungar" verstanden wurde. Sicher kann man hier noch nicht den staatsbürgerlichen Begriff aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ansetzen, wo ein Ungar auch mehrere Ethnien umfasste. Jedoch lässt der Artikel auch keine eindeutige Zuordnung Ungar gleich Magyare zu, wie sie in den Artikeln der Zeit häufig begegnet. Beachtenswert ist, was den soge­nannten Ungarn hier zu einem solchen macht. Es sind dies nämlich besondere äußere, dem Land Ungarn innewohnenden Umstände. Daraus folgt, dass der Ungar in anderen Ländern durchaus auch andere Nationalitäten annehmen könne. Unklar bleibt allerdings, warum es dann im Land Ungarn überhaupt andere „Nationalitäten“ wie Slowaken oder Deutsche gibt und sich diese unter den gleichen Verhältnissen nicht auch zu Ungarn entwickeln. Dennoch bleibt festzuhalten, dass hier die Meinung vertreten wird, ein Ungar werde gleichsam durch das Territorium, auf dem er siedelte, gebildet. Was alles dazu gehört, wird in der folgenden Passage deutlich: „Luft, Speisen, Getraenke, Gewohnheiten, Erziehung, selbst ungefaehre Zufaelle - glueckliche und unglueckliche - Kriege, oder Friede, aber vorzueglich die Staatsverfassung, sind die entfernten Ursachen der natuerlichen Beschaffenheit, welche Menschen von Menschen unterschei­den, folglich auch die, welche in Ungarn wohnen.“ Wichtig für die Ausbildung ist also vor allem auch die Staatsverfassung, die noch für die Gemäßigten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine herausragende Rolle spielen sollte. Sie bildete bekanntermaßen im 18. Jahrhundert schon eine Grundlage dessen, was man zu dieser Zeit schon gemeinhin unter der „natio hungarica“ verstand. Jedoch bekommt man den Eindruck, dass innerhalb des Artikels schon weiter­gehend - diese „natio“ betreffend - differenziert wird. So erfolgt im dritten Kapitel „Uiberdie Gewohnheiten in Ungarn“162 eine wichtige Unterscheidung zwis­chen dem „Nationalungar“ , welcher vor allem auf dem Land lebe und dessen Vorfahren Kriege für das Land geführt hätten und den sogenannten „ausgebilde­ten oder exnationalisierten Ungern“, welche vor allem in den Städten lebten. Ebenso eindeutig wie aufschlussreich erscheint der Begriff des Nationalungars. Dessen Inhalt beschreibt die Superiorität, die Magyaren innerhalb der Völker Ungarns auch in Zukunft immer beanspruchen und behaupten sollten. Hobsbawm nennt als Kriterium, das eine Nation identifiziert, die erwiesene Fähigkeit zur Eroberung163, mit der hier argumentiert wird. Weniger deutlich erfährt man, was man unter einem exnationalisierten Ungarn zu verstehen hat. Wenn davon vor allem in den Städten die Rede ist, könnte man zunächst an die Deutschen denken. Durchaus könnten damit aber auch Magyaren, adlige etwa, gemeint sein, die sich möglicherweise stark an der fremden Lebensweise jener orientierten. Dafür spricht vor allem folgende Erklärung: „Der Exnazionalimus 162 Ungarisches Magazin, Fortsetzung im 1. Band, 3. Stück 1781. 163 Hobsbawm, Nationen und Nationalismus, Frankfurt 1991, S. 50. 82

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