Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)

5 Analyse

nimmt von Jahr zu Jahr in unseren Staedten mehr ueber Hand, und daß dieser oft bis zum Nachtheile ausarte, sind groeßtenteils uebel verstandene fremde Meynungen, oder verkannte schmeichelhafte fremde Gewohnheiten Schuld daran.“ Wichtig für die weitere Entwicklung erscheint die Tatsache, dass schon in dieser frühen Phase der Entwicklung von einer Art Kerngruppe (ich möchte hier noch nicht von einer Elite sprechen) innerhalb der sogenannten Ungarn die Rede ist, die nicht nur durch das Territorium - in vielerlei Art und Weise - definiert wird, sondern auch durch ihre durch Kriege und Eroberungen gekenn­zeichnete Vergangenheit. Dass es sich bei den Kernungarn um Magyaren handelt, unterstreicht ein weiteres Zitat aus demselben Aufsatz: „Es giebt in Ungarn ver­schiedene Völker: Ungern, Slawen, Deutsche, Griechen, Juden, Zigeuner. Bey der Verschiedenheit ihrer Kleider faellt dem Physiker gewiß nichts mehr auf, als daß der ungrische Bauer zur Sommerzeit einen Pelz von Lammfellen traegt. [...]“164 Diese Gegenüberstellung von Ungarn und Slowaken oder Deutschen erfolgt wiederholt in einigen Beiträgen des Ungarischen und Neuen Ungarischen Magazins und untermauert somit die Synonymität von „Ungar“ und „Magyare“. Neben äußeren Merkmalen - dem beanspruchten Territorium oder seiner Vergangenheit - wird ein Ungar aber auch als durch sein Temperament, mora­lische Eigenschaften usw. beschrieben. Hier nehmen die Beschreibungen auch immer einen doch recht - bedingt doch die Allgemeinheit der Formulierungen - stereotypisierenden Charakter an. So wird hingewiesen auf eine cholerische Art, selbstverständlich Tapferkeit, Großmut und Vaterlandsliebe. Ähnlich allgemein und Undefiniert bleiben die Verwendung und Bedeutung der Begriffe „Volk“ und „Nation“, die häufig synonym gebraucht wurden. Beide Begriffe wurden auf im Land lebende Bevölkerungsgruppen wie Ungarn, Slawen und Deutsche gleichermaßen angewandt.165 In diesem Fall fasste man „Volk“ wohl im Sinne des „demos“ auf und unter „Nation“ verstand man dement­sprechend ein multiethnisches Gebilde. Und dennoch scheint es trotz der sy­nonymen Verwendung der Begriffe so zu sein, dass man zumindest anfing, dem Begriff der „Nation“ stärker mit Kriterien zu verbinden, wie sie auch Hobsbawm in diesem Zusammenhang nennt. Einige Anhaltspunkte sprechen für diese These. Als erstes soll an die bereits erwähnte Vorstellung von „Nationalungarn“ nur noch einmal erinnert werden. Er impliziert die Vorstellung einer gemein­samen Vergangenheit von Krieg und Eroberungen. Dieses Gedankengut lässt sich erweitern auf die Vorstellung eines gemeinsamen und gemeinschaftlich erfochtenen Territoriums. Wie zuvor stellt sich das Problem, inwieweit diese Vorstellungen nur für Magyaren oder aber alle Bewohner Ungarns zutrafen. 164 Bemerkenswert hier vor allem auch, welche Gruppen hier gemeinsam als Völker bezeichnet werden. Neben Zigeunern auch Juden, die sich als Religionsgruppe auch sprachlich weitge­hend den Deutschen angepasst hatten. 165 Etwa Ungarisches Magazin, 2. Band, 1. Stück 1782 „Topographische Beschreibung des Flußes Popprad, oder der Popper in der Zips“; Neues Ungarisches Magazin 1. Band, 1. Heft 1791 „Die Sohler Gespanschaft, Comitatus Zoliensis, Zolyom Vármegye, Swolenska Stolica". 83

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