Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)
4 Quellen- und medienkritische Erläuterungen
zehn Jahren in einer schweren Zeit der Reaktion befunden habe. Noch immer - und hier blieb sich die Zeitungja tatsächlich immer treu - sprach man sich für die Einheit des Reiches aus. Jedoch begann man sich wieder offener als Ungarn, als Deutschungarn zu artikulieren, sah die vergangenen zehn Jahre einer österreichischen reaktionären Politik in einem äußerst kritischen Licht und begrüßte daher die neuen Freiheiten, die das Oktoberdiplom im Jahr 1860 bot. Anfang 1860 schließlich verlor die Zeitung ihren amtlichen Charakter, entfernte den österreichischen Adler aus dem Titelkopf und kehrte zur ungarophilen Ausrichtung von vor 1848 zurück. Mit der ersten Ausgabe der Zeitung im Januar 1861134 verkündete die Redaktion, mit Ende des Jahres 1860 sei die Zeitung „ihres amtlichen Charakters entkleidet“ und der Verleger der kaiserlichen Regierung gegenüber vertragsmäßig bestandenen Verbindlichkeit entledigt, „welche ihn von jedweder Einflußnahme auf den Geist und die Tendenz der - behördlich bestellten - verantwortlichen Redaction ausgeschlossen hatte“. Damit ist klar ausgesprochen, dass die Zeitung im Zeitraum nach der Redaktion bis jetzt Zwängen unterlag und daher für die letzten zehn Jahre Äußerungen der Zeitung vor allem Österreich und Ungarn gegenüber relativiert werden müssen. Nun, nachdem das Verfügungsrecht über die Redaktion wieder an den Verleger, also C. F. Wigand (verantwortlicher Redakteur der Landesadvokat und Wechselnotar August Posch), zurückfalle, könne man die Zeitung wieder nach den eigenen Vorstellungen ausrichten. Nun ergreife der Verleger Wigand die Gelegenheit, „die nunmehr unabhängige [„unabhängige" dabei fett gedruckt] Preßburger Zeitung, ihrer ursprünglichen Bestimmung gemäß, auf die Bahn constitutioneller Bestrebungen zurückzuführen, indem er derselben eine Richtung zu geben beabsichtigt, welche geeignet ist, nicht allein den an ein zeitgemäß ausgestattetes Journal gestellten allgemeinen Anforderungen des Lesepublicums, sondern auch an dem in unseren Tagen so hochwichtigen staatsrechtlichen Berufe einer deutschen poltischen Zeitung in Ungarn nach Möglichkeit zu entsprechen." Offen gab man sich nun wieder ungarisch patriotisch. Man stehe an der Schwelle eines wiedererwachten verfassungsmäßigen Lebens auf der Grundlage der 1848er Gesetzgebung. Die Zeitungen sollten sich am Sinn der Ungarn für ihr historisches Recht und den Konstitutionalismus moralisch orientieren und die deutschen Mitbürger Ungarns für dieses ihr Vaterland gewinnen. Jedoch verlor die Redaktion auch die gesamtösterreichischen Ziele nicht mehr aus den Augen und unterstützte diese in der Außen- sowie in der Innenpolitik. Nicht nur schrieb man sich in das Programm, die verfassungsmäßige Freiheit Ungarns zu schützen, sondern auch die mit Österreich verbundenen Interessen zu verfolgen.135 In diesem Zusammenhang entspannte sich auf den Seiten der Preßburger Zeitung auch ein ausführlicher Diskurs um das Oktoberdiplom und das sich anschließende Februarpatent in denen auch durchaus deutliche Kritik am 134 Preßburger Zeitung 1, 1. Januar 1861. 135 Potemra (1963) S. 44. 73