Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)
3 Die historische Entwicklung Ungarns und seiner Bevölkerung innerhalb des Hagsburgerreiches
slowakische Schriftsprache zu prägen. Als Protestant, der eigentlich in einer tschechisch-slowakischen Tradition erzogen wurde, setzte er sich schließlich doch von den Tschechoslowakisten ab und wählte den von anderen slawischen Idiomen deutlich unterschiedenen mittelslowakischen Dialekt für seine Kodifikation der slowakischen Schriftsprache. 1851 konnte er die slowakischen Katholiken dazu bewegen, sich dieser Kodifikation mit geringfügigen Änderungen anzuschließen. In den 1820er Jahren zeigten sich bereits deutlichere Versuche, die Eigenständigkeit nicht nur einer ethnischen, sondern einer nationalen Gruppe der Slowaken zu propagieren. In diese Zeit fielen auch die bedeutendsten Früchte, die Bernoläks Slowakisch trug. Setzte sich diese Sprachform auch nicht durch, so machte doch seitdem das slowakische Nationalbewusstsein große Entwicklungsschritte durch. Zum einen konnte sich nun eine originär slowakische Literatur fortentwickeln - man denke im Zusammenhang mit Bernoläks Slowakisch etwa an die Werke Ján Hollýs68 - zum anderen setzte mit den folgenden Auseinandersetzungen um die Sprache der verstärkte Diskurs über eine deutlichere Abgrenzung gegenüber den anderen slawischen Nationen ein. Dies musste allerdings nicht zwingend Abgrenzung bedeuten, wie die Bemühungen und Arbeiten etwa von Ján Kollár oder Pavol Jozef Šafárik zeigen. Beide traten ein für die Wechselseitigkeit der slawischen Stämme, insbesondere für den Zusammenhang von Tschechen und Slowaken. Dabei wendeten sie sich bewusst von der Bernoláčtina ab und traten für ein slowakisiertes Tschechisch ein. In der Folge wurden auch wichtige Gesellschaften gegründet, die die Slowaken im Wetteifer um ihre Nation über alle konfessionellen und ideengeschichtlichen Grenzen hinweg zu vereinigen schienen. Hierzu zählen etwa der Slowakische Leseverein (Slovenský čitateľský spolok) in Pest (1826) oder auch literarische Publikationen wie die Zeitschrift „Zora“ (1835). Die nachhaltigste Vereinigung der slowakischen Nationalbewegung gelang jedoch erst Ludovit Štúr und den sogenannten Štúrianern. Möglicherweise als er den Druck der Tschechoslowakisten einerseits und Magyaren andererseits verstärkt verspürte, setzte sich Štúr für eine gemeinsame slowakische Sprache auf der Basis zentralslowakischer Dialekte ein.69 Ebenso wies er die These zurück, 68 Jan Hollý (Geb. 24.3.1785 Borský Mikuláš, gest. 14.4.1849 Dobrá Voda), Theologe, Poet. 1802-1808 Studium (Philosophie, Theologie) in Tyrnau. Bedeutendster literarischer Vertreter der Literatur nach Bernoläks Schriftsprache. 69 Dies war nicht immer so. Gerade am Anfang und am Ende seines Wirkens kann man Štúr selber als Tschechoslowakisten (auch als Russophilen) bezeichnen. Am Ende bzw. nach 1849 fiel diese Einstellung auch mit einem ausgeprägten Hass auf die Deutschen - neben demjenigen auf die Magyaren - zusammen. Nun war er überzeugt davon, die (deutschen) Österreicher hätten die Slowaken gegen die Magyaren ausgespielt, anstatt ihre gerechten Wünsche zu erfüllen. Jedoch sei er als Repräsentant seines Volkes in der Zeit des romantischen Nationalismus in seinem Hass auf andere nicht allein gewesen und müsse nach Gogolák so gewissermaßen auch als Kind seiner Zeit verstanden werden. Siehe dazu Ludwig Gogolák, Beiträge zur Geschichte des slowakischen Volkes III. Zwischen zwei Revolutionen 1848-1919, München 1972, S. 19ff. 50