Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)

3 Die historische Entwicklung Ungarns und seiner Bevölkerung innerhalb des Hagsburgerreiches

südlichen Gebiete. Dies hatte natürlich Einfluss auf die Siedlungsstruktur im Gebiet der heutigen Slowakei. Neben Deutschen wanderten Ruthenen, Rumänen, Juden und vor allem auch die Slowaken ab. Letztere flüchteten angesichts von Gegenreformation und Überbevölkerung bis in die Komitate Tolna, Csongrád und Békés und verschoben so deren eigene Volks- und Sprachgrenze nach Süden. Angesichts der tiefen Wirtschaftskrise der oberun­garischen Städte an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert (und einer rapide wachsenden sozialen Diskrepanz unter den Stadtbewohnern) mussten seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Verluste durch Einwanderung von Handwerkern aus Süd- und Mitteldeutschland sowie Slowaken aus dem Umland aufgefangen werden. Zugezogene Deutsche sonderten sich zunächst von den anderen Nationalitäten ab, bewahrten ihre Traditionen etwa hinsichtlich Kleidung, Sprache und Gewohnheiten. Spätestens ab der dritten Generation betrachteten sich die eingewanderten Deutschen als einheimisch und wurden auch vor allem von den Magyaren so gesehen. Etwa ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts herrschte unter den Deutschen in aller Regel Zweisprachig­keit, die freiwillige Assimilation schritt voran. Im Laufe des 19. Jahrhunderts schließlich wurden viele alte Stadtmauern niedergerissen, so dass sich die ver­schiedenen Bevölkerungsgruppen allmählich sprachlich und ethnisch ver­mengten.58 In besonderem Maße waren an der Wiederbesiedlung der Städte im 17. Jahrhundert deutsche Katholiken beteiligt, was besonders die Stadtbewohner mit Bürgerrecht betraf. Zurückzuführen ist dies auf die Wiener Maßnahmen, nach denen in Verordnungen von 1689 und 1733 (1777 noch einmal bestätigt) der Vorrang der Katholiken bei der Besiedlung der königlichen Freistädte fest­gelegt wurde. Als sich im 18. Jahrhundert die Stadtbewohner in Ungarn verdoppelten, schritten die Alteingesessenen zu Abwehrmaßnahmen. So wurde die Bürgertaxe durch die Stadtmagistrate erhöht und auch die Zünfte machten von ihrer Monopolstellung unnachgiebig Gebrauch. Infolgedessen waren es vor allem die Vorstädte und die umliegenden Marktflecken, die den stärksten Zuwachs für sich verbuchen konnten. Deutlich wird bei der Betrachtung der Siedlungsgeschichte der Deutschen in Ungarn die Vielschichtigkeit, die deren Ansiedlung kennzeichnete. Vielschichtig etwa in Bezug auf die zeitliche Staffelung der Besiedlung, aber auch die damit verbundene Geographie, nicht zuletzt auch die Herkunft der einzelnen Einwanderer. Friedrich Gottas59 charakterisiert die Stellung der Deutschen Ungarns grob in vier Punkten. Als Nationalität seien sie keine historisch ent­standene, feste Gemeinschaft. Sie wohnten zweitens in geographischer Streulage, ihre Sozialstruktur sei drittens nicht einheitlich und schließlich 58 Fata (1995) S. 146. 59 Friedrich Gottas: Die Deutschen in Ungarn, in: Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. 3. Hrsg. v. Adam Wandruszka und Peter Urbanitsch, Wien 1985, S. 340-410. 46

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