Schiriefer, Andreas: Deutsche, Slowaken und Magyaren im Spiegel deutschsprachiger historischer Zeitungen und Zeitschriften in der Slowakei - Interethnica 9. (Komárno, 2007)

3 Die historische Entwicklung Ungarns und seiner Bevölkerung innerhalb des Hagsburgerreiches

viertens seien sie durch die gemeinsame Sprache mit dem zisleithanischen Teil der Habsburgermonarchie und Deutschland eng verbunden gewesen60. Vor allem die ersten drei Faktoren wirkten sich stark hemmend auf die Entwicklung eines eigenen deutschen nationalen Bewusstseins aus. Nicht zuletzt auch durch die unterschiedliche Herkunft kam es lange nicht zur Ausbildung einer Gemeinschaft - die Deutschen unterschieden sich dadurch ja auch ganz wesentlich in ihren Mundarten und grundsätzlich in ihren Volkskulturen.61 Ein weiterer Hinderungsgrund für die Ausbildung eines einheitlichen Nationalitätsgedankens der Deutschen in Ungarn war die lediglich lose Verbindung zwischen dem deutschen Bürgertum und der entsprechenden Bauernschaft, die im Großen und Ganzen erst im 18. Jahrhundert nach Ungarn kam. Diejenigen Deutschen, die sich im 18. Jahrhundert in den ungarischen Städten ansiedelten, nahmen eher mit den nichtdeutschen Bürgern der Städte Kontakt auf als mit der deutschen Bauernschaft. So gab es mit Ausnahme der Zips und der westungarischen Gebiete keinen wesentlichen Zusammenhang zwischen dem deutschen Bürgertum und der deutschen Bauernschaft. Im 18. bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts stellte das deutsche Bürgertum wirtschaftlich und kulturell die höchst entwickelte Bürgerschicht in Ungarn dar. Für die Entwicklung einer deutschen Nationalität konnte - mög­licherweise auch wollte - sie diese Position nicht nutzbar machen. Wirtschaftlich wie gesellschaftlich war sie dazu zu sehr in die ungarische Gesellschaft eingegliedert. Nach Windisch versah sie „die wirtschaftliche Funktion einer ungarischen bürgerlichen Klasse.“62 Dadurch verstärkte sich die Abgrenzung des deutschen Bürgertums von den übrigen deutschen Schichten noch weiter. In diesem Zusammenhang muss man auch von Assimilation sprechen, die unter der deutschen Bevölkerung teilweise schon während der Zeit des Vormärz einsetzte und zunächst vor allem eine freiwillige Annäherung hauptsächlich des deutschen Stadtbürgertums an die Magyaren bedeutete. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde diese Tendenz allerdings durch Maßnahmen des ungarischen Staates - in beträchtlichem Ausmaß etwa im Rahmen der Schulpolitik - beschleunigt und unterstützt. In den Städten fiel 60 Gegen Ende des 19. Jahrhundert boten sich die Konationalen jenseits der Leitha und in Deutschland verstärkt als Verbündete in nationaler Hinsicht an und bestimmten die Ziele der nationalen Bewegung mit, während die eigenen nationalen Bewegungen der Deutschen in Ungarn sich noch in den Anfängen befanden. 61 Die angesprochene Situation der Streusiedlung können folgende Zahlen verdeutlichen. Ende des 19. Jahrhunderts lebten Deutsche in 381 von 413 Bezirken Ungarns (einschließlich Siebenbürgens, aber ohne Kroatien und Slawonien) und dabei überstieg in 249 Bezirken ihre Zahl 10 Prozent der Bevölkerung nicht. Das geschlossenste Siedlungsgebiet stellte Westungarn dar, wo die Deutschen in den einzelnen Bezirken im Schnitt 65 Prozent der Bevölkerung stellten. Im Vergleich dazu stellten die Deutschen in den Gebieten Tátra und Fátra 37 bzw. 31 Prozent. Zahlen nach Eva V. Windisch, Die Entstehung der Voraussetzungen für die deutsche Nationalitätenbewegung in Ungarn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in Acta Historica 11 (1965), S. 4. 62 Windisch (1965) S. 6. 47

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