Liszka József (szerk.): Az Etnológiai Központ Évkönyve 2000-2001 - Acta Ethnologica Danubiana 2-3. (Dunaszerdahely-Komárom, 2001)

1. Tanulmányok - Hartinger, Walter: A népi kultúra szűk határainak fikciója

Jacob im fernen Santiago de Compostela, zu den Reichsheiligtümem in Aachen oder zum hl. Blut nach Wilsnack, um nur einige herausragende Orte zu nennen.2 Unter den technischen und hygienischen Gegebenheiten des Mittelalters waren solche Pilgerreisen eine gefahrvolle Unternehmung; viele Pilger sind auf dem Weg geblieben, ir­gendwo verscharrt auf einem Friedhof des Balkans, Syriens oder Südfrankreichs. Die meis­ten sind aber wieder in ihren Heimatort zurückgekehrt und brachten nun etwas vom Duft der weiten Welt zu den zuhause Gebliebenen. Kenntnisse von fremden Ländern, Sitten und Gewohnheiten haben so die Runde gemacht. Seit dem 13. Jahrhundert erhalten die Pilger Konkurrenz durch die Wallfahrer, die nun in geschlossenen Prozessionen eine Gnadenstätte der nahen oder weiten Nachbarschaft aufzusuchen (Brückner 1970). Sicher, so weit herumgekommen wie die Pilger sind die Wallfahrer nicht; doch Entfernungen von 70, 100 oder 150 km hat man spielend überbrückt. Und vor allem, wallfahrten ging ein jeder oder nahezu jeder katholische Christ; und dies nicht nur einmal im Jahr. Während der Zeit der Gegenreformation brachten es die bayerischen und oberösterreichischen Pfarreien im jährlichen Durchschnitt auf 15-20 kleinere oder größere Kreuzgänge (Hartinger 1985c). Pilgerschaft und Wallfahrt stellen nicht nur religiöse Unternehmungen, sondern gleichzei­tig auch Reisen dar3, mit deren Hilfe man aus dem vertrauten Alltagstrott ausbrechen konnte, fremden Menschen begegnete, neue Erkenntnisse und Beobachtungen mit nach Hause nahm. Politische, sprachliche und kulturelle Grenzen haben dabei kaum eine Rolle gespielt; im Gegenteil, ein wichtiges Motiv für die staatlichen Wallfahrtsverbote war gerade die Über­legung, daß auf diesem Weg zu viel Geld ins Ausland vertragen werde (Hartinger 1992b). Ein Kapitel für sich ist das Handwerksleben', die Organisation der verwandten Handwerke in Zünften seit dem 12. Jahrhundert ist allgemein bekannt (Wissell 1929). Diese nahmen nur selten Rücksicht auf enge kommunale und territoriale Grenzen. Ja, es gehörte gerade zu den besonderen Kennzeichen der Handwerkszünfte, daß sie sich überregional absprachen. Es gab für bestimmte Gebiete sog. Hauptladen, nach deren Gepflogenheiten man sich richtete. Die der süddeutschen Steinmetzen etwa stand in Straßburg, die der Hutmacher in München, der 2 Bezeichnend ist der Titel von Ausstellung und Begleitband: Wallfahrt kennt keine Grenzen. Themen zu einer Ausstellung des Bayer. Nationalmuseums und des Adalbert Stifter Vereins, München. (Kriss-Rettenbeck - Möhler Hrsg. 1984). 3 So begreift es vor allem einer der großen Kenner des Wallfahrtswesens: Baumer 1977. Unübertroffen schildert m.E. der Volksschriftsteller Alban Stolz (gest. 1883) die psychische Gestimmtheit vieler Wallfahrer im Rückblick auf ein Jahrhundert von Wallfahrtsverboten und -behinderungen: “Wenn ich auf mein gewöhnliches Leben zuhaus zurücksehe, so steht es mir viel objektiver und klarer vor der Seele in der Fremde, als wenn ich mitten ins Getriebe des Berufs hineingestellt mein Tun und Lassen beurteilen will. Ähnlich mag es auch vielen anderen gehen, deshalb ist es, abgesehen von manchen anderen Gründen, Unverstand und Rohheit, unbedingt das Wallfahren verbieten zu wollen. Der arme Bauer, das ganze Jahr oft geplagt und geärgert, verläßt da seine schmutzige Stube und das Kindergeschrei und Weibergebell und die Gasse, wo sein Gläubiger wohnt, und die Kirche, wo der Anblick des Nachbarn, der mit ihm Prozeß führt, oder des unbeliebten Pfarrers ihm die Andacht verdirbt. Und wann er aus dem Ortsbann heraus ist, kommt er erst wieder zur rechten Besinnung über sich selbst und sein Leben, und Gott ist ihm gegenwärtiger, und sein müdes Herz atmet wieder auf, und ihm ist wie dem Vogel, der halb erstickt im Gam, losgelöst nun wieder in freien Himmelsraum hinausfliegt; er ist jetzt nicht mehr der Seppentoni oder der Fischemaz, sondern nach langer Zeit ist er jetzt wieder zum ersten Mal nichts als ein Mensch”. Zit. nach Hoeber 1937, 360. 112

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