Sárospataki Füzetek 21. (2017)

2017 / 2. szám - ARTICLES-STUDIEN - INTERCULTURAL DIALOGUE SINCE THE AGE OF THE REFORMATION-INTERKULTURELLER DIALOG SEIT DER REFORMATION - Sigrist, Christoph: Grossmünster Zürich - Mutterkirche der Schweizer reformation: Interkultureller raum diakonischer begegnung

Christoph Sigrist sen sich daraus für eine Theologie des Kirchenraumes ziehen, ja, für eine Theologie der Stadt, wenn die Verkündigung nicht mehr „horsesol“, ohne Erdung, geschieht? Predigt heute der Kirchenraum anstelle des Pfarrers früher, die Kunst anstelle der Bi­bel, die innere Stimme anstelle der Predigt von aussen, von der Kanzel? Hat sich der reformierte Versammlungsraum „rekatholisiert“, verwandelte sich der funktionale Versammlungsraum wieder zur sakralen Topografie in der Stadt? Das Grossmünster Zürich als reformatorische Mutterkirche ist eine polyvalente Grösse mit einer hybriden Schichtung von kulturellen, religiösen und theologischen Bedeutungszuschreibungen, die eine grosse Herausforderung an die reformierte Identität stellt. Wie kann reformiertes Christsein in unserer pluralen Gesellschaft als Teil von Christsein allgemein, als Aspekt von religiöser Konnotation gesellschaft­lichen Lebens innerhalb und ausserhalb von Kirchen wie dem Grossmünster be­schrieben werden? Der reformierte Kirchenraum als politische und diakonische Grösse Auch vor 500 Jahren zur Zeit der Reformatoren war der Kirchenraum eine poly­valente Grösse. Vorreformatorisch wurde an über 20 Altären im Grossmünster zur gleichen Zeit im gleichen Raum an unterschiedlichen Orten gebetet, Totenmessen gelesen, gebeichtet und an Altarbildern gemalt. Zwischen 1524—1526 wurde der Kirchenraum geräumt und die zentral in den Kirchenraum vorstehende Kanzel ge­baut. Dadurch „krümmt“ sich der Kirchenraum um die reformatorische Fokussie­rung der Auslegung der Bibel. Statt Multiperspektivität gab es von nun an eine zen- tralperspektiv ausgerichtete Sicht des in Stein gebauten Glaubens. Doch schon zu Zwinglis Zeiten wurde diese theologische Fokussierung kulturell aufgebrochen. Im ehemaligen Chorraum entstanden die Studierstube und das Gelehrtenzimmer für die theologischen Auseinandersetzung und die Übersetzung der Bibel in die deut­sche Sprache. Der Versammlungsraum der Gottesdienstgemeinde und der Hörsaal der Universität flössen ineinander. Dazu kam das politische Moment: Die Zürcherische Reformation war eine ge­sellschaftliche Transformation, insofern die theologischen Entscheide durch demo­kratische Beschlüsse der beiden Räte in Zürich herbeigeführt wurden. Die für die Täufer entscheidende Versammlung im Herbst 1525 fand wegen der Menge der versammelten Ratsmitglieder sogar im Grossmünster statt. Im Kirchenraum als dem gebauten Text des Glaubens wurde die Todesstrafe gegenüber anders Glaubenden politisch beschlossen und wenige Monate später, im Januar 1527, an Felix Manz an der Limmat durch Ertränkung vollzogen. Jahrhunderte später, im Sommer 2004, bekannten öffentlich der damalige Stadtrat wie auch der damalige Kirchenratspräsi­dent, also die politische und kirchliche Macht, wieder im Grossmünster unter An­wesenheit von Hunderten von Täufern, amish people und Mennoniten die refor­matorische Schuld von Kirche und Staat und setzten ein nachhaltiges Zeichen der Versöhnung und des Friedens im Gottesdienst sowie bei der anschliessenden Einwei­hung des Gedenksteins am Ufer der Limmat. Seitdem erleben wir am Grossmünster 26 Sárospataki Füzetek 21, 2017 - 2

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