Sárospataki Füzetek 21. (2017)

2017 / 2. szám - ARTICLES-STUDIEN - INTERCULTURAL DIALOGUE SINCE THE AGE OF THE REFORMATION-INTERKULTURELLER DIALOG SEIT DER REFORMATION - Sigrist, Christoph: Grossmünster Zürich - Mutterkirche der Schweizer reformation: Interkultureller raum diakonischer begegnung

Grossmünster Zürich - Mutterkirche der Schweizer Reformation einen Täuferstrom aus aller Welt. Hinterbliebene hoffen, am Ort des Dramas ihrer Familiengeschichten ein neues Kapitel schreiben zu können. Amerikanisierend über­zeichnet und zugespitzt: Die Täufer auferstehen aus dem Fluss der Versenkung, des Totschweigens und der Vergessenheit. Sie stellen als Schwestern und Brüder bohrend die Frage, wie denn das reformatorische Erbe heute mit den Schatten ihrer Ausgren­zung und Verurteilung umgeht. Das Grossmünster ist seit diesem Versöhnungsakt 2004 zum Forschungslabor für interkulturelle und interreligiöse Friedensarbeit im Dialog und im Gebet geworden. Die Teilnahme S. H. des Dalai Lama bei dem interreligiösen Friedensgebet im Oktober 2016 im Grossmünster zeigt unüberseh­bar diese politische und zugleich heilende, helfende und deshalb als diakonisch zu bezeichnende Wirkung. Der reformierte Kirchenraum als dialogische, interkulturelle Grösse In den 15 Jahren meiner Tätigkeit als Pfarrer am Grossmünster habe ich beobachtet, wie sich die Funktion des reformierten Pfarrberufs weiterentwickelt hat: Während ich am Sonntag auf Zwinglis Kanzel in der reformierten Tradition der lectio Conti­nua Buch für Buch der Bibel auslege, werde ich während der Woche mit anderen, interkulturellen und interkonfessionellen Ritualen gefordert. Der Sikh aus Indien sucht den Kirchenraum zum Gebet auf genauso wie der Muslim, der keine Zeit hat, zum Freitagsgebet in die Moschee an den Rand der Stadt zu fahren. Die ehemali­ge katholische Tänzerin heiratet einen muslimischen Marokkaner in Anwesenheit des Imams und des reformierten Pfarrers, das Kind eines koptischen Ägypters und einer katholischen Mutter wird durch den koptischen Pfarrer, den römisch-katholi­schen Priester und den reformierten Pfarrer getauft. Die russisch-orthodoxe Tochter möchte ihr Gebet 40 Tage nach der Beerdigung ihrer Mutter in Anwesenheit des re­formierten Pfarrers im Grossmünster sprechen. Ihre Geschichte von Gewalt, Prosti­tution und Ausgrenzung schreibt sich im gemeinsamen Gebet heilsam anders weiter. Die Einsicht in den polyvalenten, politischen, interkulturellen Raum der Mut- terkirche der Schweizer Reformation erhellt den Blick auf das Erbe der reformato- rischen Transformation der Gesellschaft in Zürich und in den anderen Städten und Kantonen. Das Grossmünster hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten zum inter­kulturellen Raum diakonischer Begegnung entwickelt. Damit reiht sich das Wahr­zeichen von Zürich in die Reihe vieler Stadtkirchen unterschiedlicher konfessioneller Ausrichtung ein. Kirchen waren schon immer Räume öffentlich proklamierter, aus­geübter und transformierter Religion. Aus Zürich dürfen diese Veränderungen mit dem Geiste Zwinglis theologisch wohl durchdacht mitgestaltet werden nach seinem Motto: „Tut um Gottes Willen etwas Tapferes.“ Dieser Satz steht in der Sakristei des Grossmünsters und hat sich seit 500 Jahren in die Seele der Stadt eingezeichnet. Die Worte werden zum mutmachenden Fanal, den Dialog zwischen Kulturen und Religionen in Gottes Namen unter kritischer Aufnahme des reformatorischen Erbes weiterzuführen. 2017-2 Sárospataki Füzetek 21 27

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