Leopold Auer - Manfred Wehdorn (Hrsg.): Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv (2003)
Bestände - II. Der Stoff, aus dem Geschichte ist
102 Der Stoff, aus dem Geschichte ist 2 Kirchenchoral als Bucheinband 14. Jahrhundert, Wien (?) Inventar der Pfarre Perchtoldsdorf von 1558 Pergamenteinband Handschriftensammlung, Handschrift Weiß 31 Ein auf lange Haltbarkeit berechneter Einband bestand im Mittelalter aus Leder, das aber offenbar relativ teuer war. Im Laufe des 16. Jahrhunderts bildete sich die Gewohnheit heraus, alte auf Pergament geschriebene Bücher zu zerlegen und die Blätter als Bucheinband zu verwenden. Die große Masse der so erhaltenen Pergamentblätter entstammt dem kirchlichen Bereich; es waren Meßbücher, liturgische Handbücher und Bibeltexte, die nach dem Vorhandensein entsprechender Drucke nicht mehr unmittelbar gebraucht wurden. Es mag auch eine gewisse antiklerikale Stimmung dazu geführt haben, daß man gerade Bücher aus dem geistlichen Bereich als Einband für die alltägliche Wirtschaftsrechnung verwendete. Fragmente des Nibelungen-Liedes oder Beispiele sonstiger mittelalterlicher Dichtkunst sind sehr viel seltener in dieser Form überliefert. Das vorliegende Blatt - Fragment eines Antiphonars - ist von seiner Blattgröße her (mindestens 60 cm hoch, etwa 40 bis 50 cm breit) mit den sogenannten Riesenbibeln vergleichbar. Es wurde für den Vorsänger oder mehrere Vorsänger auf den Ambo gelegt, daher mußten Schrift und Choralnoten ziemlich groß sein. Der Text gibt das Ende eines liturgischen Gebetes oder eines Zwischengesanges wieder: „... et lux perennis..." und „Gloria Patri et filio et spiritui sancto...". Die beiden sichtbaren Initialen weisen Verzierungen im sogenannten Fleuronneé-Stil auf. Elisabeth Springer