Leopold Auer - Manfred Wehdorn (Hrsg.): Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv (2003)
Bestände - II. Der Stoff, aus dem Geschichte ist
II. Der Stoff, aus dem Geschichte ist 99 Auf seiner Reise durch die Zeit hat es der Historiker mit einer Vielfalt von Quellen zu tun, die er zum Sprechen bringen möchte. Die Rückbindung an die Quellen, die die Ergebnisse seiner Arbeit von der Fiktion unterscheidet, erstreckt sich dabei nicht nur auf deren Inhalt, sondern auch auf ihre äußeren Merkmale. Insofern hat der Stoff, aus dem Geschichte ist, eine zweifache Bedeutung: Er meint einerseits die Quelle als Rohstoff der historischen Erkenntnis, die aber auch gleichzeitig in ihrer konkreten Stofflichkeit einen historischen Aussagewert besitzt. Jedes Archiv hat es im wesentlichen mit Schriftquellen zu tun, deren Aussagekraft naturgemäß sehr unterschiedlich ist. In unserem Kulturbereich sind schriftliche Äußerungen (von Inschriften abgesehen) zum Großteil auf Pergament und Papier geschrieben. Die Ablösung des Papyrus durch das Pergament in der Spätantike hat den Übergang von der Schriftrolle zum Kodex und damit zu dem, was wir heute unter einem Buch verstehen, bestimmt; sie war darüber hinaus maßgebend für das Erscheinungsbild eines Großteils unserer mittelalterlichen und neuzeitlichen Urkunden. Wegen der unvergleichlich besseren Haltbarkeit des Pergaments ist dieser Beschreibstoff für wichtige Urkunden sogar bis ins 20. Jahrhundert verwendet worden (Nr. 1/15). Von nicht geringerer kulturhistorischer Bedeutung war der Wechsel vom Pergament zum Papier, der untrennbar mit dem Buchdruck und dem sprunghaften Anstieg der Schriftlichkeit an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit verbunden ist (Nr. II/3). Einzelblatt, Rolle und Buch repräsentieren Grundtypen der äußeren Erscheinungsformen, die zum Schutz, aber auch zum Schmuck eine zusätzliche Ausstattung erhielten. Dazu gehören bei Büchern die oft kostbaren Einbände aus Leder oder Samt, die mit Edelsteinen besetzt oder mit Metallbeschlägen ausgestattet sein können, aber auch einfache Einbände aus Pergament oder Pappe; bei Einzelblättern, Urkunden oder Rollen sind es Kassetten, Blechhüllen oder Säcke (Nr. 11/1, II/2). Nicht vergessen werden dürfen in diesem Zusammenhang die Siegel mit ihren Siegelkapseln, die oft wahre Kleinkunstwerke sein können. All dieser Aufwand diente letztlich der Kommunikation durch Schrift, die ihrerseits als Träger der Überlieferung eines der wichtigsten und vielfältigsten Kulturelemente darstellt. Weltweit sind heutzutage etwa 200 verschiedene Schriftsysteme bekannt, die von Bildzeichen bis zu den uns vertrauten Alphabeten reichen. Das Aussehen von Schriften ist stets auch einem Formenwandel unterworfen, der vom zeitbedingten Stilempfinden ebenso beeinflußt wird wie von individuellen Eigentümlichkeiten der Schreiber und der einer Schrift zugrunde liegenden Sprache (Nr. 1/1, ll/4, 11/10 usw.). Für die Vielfalt von Sprache und Schrift liefern die Bestände des Haus-, Hof- und Staatsarchivs reiches Anschauungsmaterial. Unsere heutige Lateinschrift leitet sich auf dem Umweg über das Griechische aus dem phönizischen Alphabet ab. Gleichfalls aus dem Griechischen wurde im Frühmittelalter das kyrillische Alphabet geschaffen. (Nr. II/4). Das Wissen um die alten Sprachen und Schriften des Vorderen Orients war im Bewußtsein Europas nie völlig verloren gegangen und wurde durch die Kreuzzüge wieder neu in Erinnerung gebracht. So ist die Beschäftigung mit dem Türkischen (eigentlich Osmanisch-Türkischen), Persischen (Nr. II/6) und Armenischen (Nr. II/9) schon seit dem Spätmittelalter nachzuweisen; Hebräisch blieb durch die jüdisch-christlichen Kontakte das ganze Mittelalter hindurch präsent. Infolge der Nachbarschaft zum Osmanischen Reich beschäftigte man sich in Österreich früh intensiv mit den orientalischen Sprachen, demgegenüber erfolgte die Gründung der Orientalischen Akademie als Ausbildungsstätte für Dolmetscher und Diplomaten erst Mitte des 18. Jahrhunderts. Ab dem 19. Jahrhundert setzte verstärkt die Beschäftigung mit Sprachen des Fernen Ostens wie Chinesisch (Nr.VI/7) und